„Das Herz Europas“ – Stefan Zweigs Schriften über die Schweiz

"...hier im natürlichen Zustand des Friedens war die edle
Abseitigkeit der Natur wieder natürlich geworden, und ich
liebte die Schweiz, wie ich sie nie zuvor geliebt." (Stefan Zweig - "Die Welt von Gestern")
Stefan Zweig – „Das Herz Europas – Ein Besuch im Genfer Roten Kreuz„, Max Rascher Verlag. Zürich, 1918.

In diesen Tagen, in denen sich Europa mitten in einem neuen Krieg befindet und die Frage nach der Schweizer Neutralität wieder diskutiert wird, bietet sich die Gelegenheit, in eine Zeit zurückzugehen, in der diese Neutralität nicht so zynisch gesehen wurde, wie wir sie heute verstehen: verbunden mit politischen Interessen, Angst und vor allem Geld. Stefan Zweig, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 80. Mal jährt, war in den Tagen während und nach dem Ersten Weltkrieg ein begeisterter Anhänger der Schweiz. Er sah sie als eine Insel der Vernunft, auf die es von ringsherum Wahnsinn regnete. Einige kurze unbekannte Texte, die er zwischen 1917 und 1918 veröffentlichte, und seine Novelle „Episode am Genfer See“, die 1919 erstmals erschien, erlauben uns, seine doch sehr naive Darstellung der Rolle der Schweiz in dieser Zeit und deren auf den Rest der Welt machenden Eindruck, zu untersuchen.

Stefan Zweig – „Das Herz Europas“. Neue Freie Presse, Wien, 1917.

Es scheint, dass Zweigs kurze Zeit in der Schweiz zwischen 1917 und 1919, in der er die Rolle des Genfer Roten Kreuzes untersuchte, ihn zu dem berühmten Pazifisten gemacht hat. In seinem Text „Das Herz Europas – ein Besuch im Genfer Roten Kreuz„, der am 23. Dezember 1917 in der Neuen Freien Presse veröffentlicht wurde, schrieb er: „Mögen andere die Schlachten schildern, Feldherren bejubeln, Kaiser und Herzoge rühmen – ich habe nichts gesehen in diesem Kriege, was mir wichtiger schiene, zu schildern, würdiger, erhoben zu werden, als das kleine Haus auf der Place Neuve in Genf”. Zweig beschreibt die zentrale Bedeutung dieses Ortes und die wichtige Rolle, die die Menschen dort übernommen haben:  “[…]in diesen drei Jahren, war es die Seele, war es das Herz Europas. In unsichtbarer Brandung strömt hier jeden Tag die Angst, die Sorge, die fragende Not, der schreiende Schrecken von Millionen Völkern heran. In unsichtbarer Ebbe strömt hier täglich Hoffnung, Trost, Ratschlag und Nachricht zu den Millionen zurück. Draußen, von einem Ende zum  anderen unserer Welt, blutet aus unzähligen Wunden der gekreuzigte Leib Europas. Hier aber schlägt noch sein Herz. Denn hier antwortet dem wahrhaft unmenschlichen Leiden der Zeit noch ein ewiges Gefühl: das menschliche Mitleid”.

Stefan Zweig – „Die Schweiz als Hilfsland Europas“ Donauland. Illustrierte Monatsschrift. Wien, 1918

Fast ein Jahr später, in seinem Text „Die Schweiz als Hilfsland Europas„, weitete Zweig sein Lob auf die gesamte Schweiz aus. Während der Rest der Welt seine ganze Energie für den Krieg verschwendet, ist es die Schweiz, die ihre “[…]Energie nicht zur Zertrümmerung, sondern zum Aufbau, nicht zur Verwundung, sondern zur Heilung verwandt wurde.” Nachdem er erneut das Genfer Rote Kreuz gelobt hatte, das von “Schweizer Bürgern begründet wurde. Und für sie, diese Millionen zu sorgen, über die Konventionen zu ihrem Schutze zu wachen, wäre schon Leistung genug gewesen.”, erwähnt Zweig einen etwas unterschätzten Akteur, der während des Krieges in der Schweiz tätig war und kaum Anerkennung fand, nämlich “die Postvermittlung, die sie – und das ist zu wenig bekannt – unentgeltlich, das klingt ein wenig dieses Wort, aber welche Resonanz hat es, welche ungeheuerliche Resonanz, wenn man bedenkt, dass die Schweiz in diesen vier Jahren fünfhundert Millionen Briefe, an 100 Millionen Pakete, 10 Millionen Postanweisungen umsonst befördert hat. Rechnet man den normalen internationalen Tarif dafür , so kann man wohl getrost sagen, dass die Schweiz durch den Verzicht auf jedes Entgelt den kriegführenden Staaten ein Geschenk von 100 Millionen Franken gemacht hat, abgesehen von der gigantischen Arbeit, die nur eine so meisterlich organisierte Postverwaltung bewältigen konnte, die Postverwaltung des Lands, in dem die internationale Weltpost begründet wurde und ihr Denkmal hat.” Auf poetische, zukunftsweisende Art, beendet Zweig den Text mit der Beschreibung der Schweizer Flagge: „Nie war das Schweizer Wappen – das weiße Kreuz auf rotem Grunde – so sehr das Symbol des Friedens inmitten des Bluts. Und in diesem Sinne wird eine zukünftige Menschheit immer diese Fahne grüßen.“.

Stefan Zweig – „Episode vom Genfer See“. Moderne Welt, Wien 1919.

In Zweigs Prosa finden wir diese Eindeutigkeit jedoch nicht. Obwohl das Motiv der Schweiz als Hilfsinsel auch in seiner Kurznovelle „Episode vom Genfer See“ vorkommt, tauchen die Schwierigkeiten, die Kulturkonflikte und die Unfähigkeit, die Welt von gestern hinter sich zu lassen, ebenfalls auf. Die Novelle, die erstaunlich aktuell ist, erzählt die Geschichte eines jungen russischen Soldaten während des Ersten Weltkriegs, der, desorientiert und erschöpft, von einem Fischer in der Nähe von Villeneuve aus dem Genfersee gerettet wird. Obwohl er von den Einheimischen freundlich behandelt wird, ist der Soldat völlig verzweifelt, da er die lokale Sprache nicht beherrscht. Als er schließlich den Manager eines örtlichen Hotels trifft, der Russisch kann, erzählt er seine tragische Geschichte, die eines Soldaten, der weder weiß, wo er ist, noch wofür er kämpft. Alles was er will, ist zu seiner Familie zurückzukehren. Als der Manager ihm erklärt, dass er in der Schweiz bleiben muss, da die Grenzen geschlossen sind, weigert er sich ungeduldig, das zu verstehen. Was folgt, ist eine Handlung, die sowohl als ein kläglicher und hoffnungsloser Versuch, dorthin zurückzuschwimmen, wo er herkam, als auch als ein vorsätzlicher Selbstmord durch Ertrinken interpretiert werden kann.

Es ist verlockend, das Ende dieser Geschichte als Vorahnung des eigenen tragischen Schicksals von Stefan Zweig zu sehen. Zweig, der sich als Flüchtling in Brasilien wiederfand, konnte sich nicht von seinen europäischen Wurzeln lösen. Er fand sich in einem Land wieder, in dem, obwohl er sicher und gut versorgt war, alles, was ihn ausmachte, seine Kultur, seine Sprache, keine Rolle mehr spielte. Seine berühmte Autobiographie „Die Welt von Gestern„, die er in den letzten Jahren seines Lebens schrieb, war vielleicht sein letzter Versuch, die Hoffnung auf die Zukunft aufrechtzuerhalten, indem er sich an die Vergangenheit klammerte. Die Schweiz in diesem Buch ist immer noch diese Idee „[…] des Beisammenseins der Nationen im selben Raume ohne Feindlichkeit, diese weiseste Maxime durch wechselseitige Achtung und eine ehrlich durchlebte Demokratie sprachliche und volkliche Unterschiede zur Brüderlichkeit zu erheben – welch ein Beispiel dies für unser ganzes verwirrtes Europa!“. Zweig wusste jedoch, dass die Schweiz des Ersten Weltkriegs nicht dieselbe war wie die des Zweiten. Viel rotes Blut würde um die Schweizer Insel fließen. Was blieb, war lediglich die Idee. Er hat sich für Brasilien entschieden, weil er die Hoffnung auf Europa als Ganzes verloren hatte, und aus demselben Grund, so nimmt man an, wählte er auch den Selbstmord.

Stefan Zweig – Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers , Bermann-Fischer Verlag. Stockholm, 1942
Oded Fluss, Zürich 8.3.2022

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