
Ein etwas ungewöhnliches Buch in unserer Bibliothek enthält einige Spuren des Rabbiners Sali Levi (1883-1941), eines bekannten Feldrabbiners im Ersten Weltkrieg, der auch als letzter Rabbiner der jüdischen Gemeinde Mainz in die Geschichte eingegangen ist. Dies und die Tatsache, dass Rabbiner Levi Student am Theologischen Rabbinerseminar in Breslau war und dort auch promovierte, gibt Anlass, mehr über diese interessante und leider in Vergessenheit geratene Persönlichkeit zu erfahren.

Das vor uns liegende Buch „Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen“ wurde 1902 in Berlin gedruckt und von Rabbiner Samuel Krauss (1866-1948) herausgegeben, einem Lehrer für hebräische und jüdische Geschichte und Talmudgelehrten, der sowohl an der Jüdischen Lehrerseminare in Budapest als auch an der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt in Wien unterrichtete.

Auf der Innenseite des Buchdeckels befindet sich das einzigartige Exlibris des Rabbiners Sali Levi. Es zeigt zwei bekannte jüdische Motive, den Davidstern oben und die Menora unten. Auf der rechten Seite des Exlibris finden wir einen Hirsch und die hebräische Inschrift רץ כצבי „schnell wie ein Hirsch“ und auf der linken Seite einen Löwen und die hebräische Inschrift וגבור כאריה „und stark wie ein Löwe“. Dies ist ein direktes Zitat des Spruchs von יהודה בן תימא Jehuda ben Tema, aus der Mischna: „Sei mutig wie ein Leopard, leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch und stark wie ein Löwe, um den Willen deines Vaters im Himmel zu tun (Masechet Abot 5:20). Oben auf der Titelseite finden wir auch den Stempel von „Rabbiner Dr. S. Levi. Mainz“.

Rabbiner Levi wurde 1883 in Waldorf (Baden) geboren und trat im Alter von 20 Jahren in das Theologische Rabbinerseminar in Breslau ein (wir erfahren dies aus dem Jahresbericht des Seminars von 1903). Das Schicksal wollte es, dass unmittelbar nach seinem Abschluss der Erste Weltkrieg ausbrach. Sali Levi wurde als Feldrabbiner in das Armeeoberkommando (10. Armee) berufen. Während des Krieges wurde er mit dem Eisernen Kreuz und dem Zähringer Löwenorden ausgezeichnet.

Über Levis patriotische Gesinnung im Ersten Weltkrieg erfahren wir aus einer kleinen Broschüre „Ein Gruss der Feldrabbiner an die jüdischen Kameraden im Deutschen Heere“, die 1915 vom Verband der deutschen Juden herausgegeben wurde und in der er sich zusammen mit anderen Rabbinern an seine jüdischen Kameraden wandte.

In dem Artikel „Das Grab am Wege“ vergleicht er das improvisierte Grab eines jüdischen Kameraden, das er auf dem Schlachtfeld gesehen hat, mit dem biblischen Grab der Rachel. Auch wenn beide Gräber einsam und abgelegen stehen, weit weg von Familie und Freunden, sind sie ein Zeichen für ein höheres spirituelles Ziel.
Aber eines Helden Stimme spricht aus dem Grabe: „Dort, wo ich stritt und litt, dort wo ich stand und fiel, dort will ich ruhn: im Tode, noch will ich ein Zeuge sein, dass der deutsche Krieger nicht wankt und nicht weicht!“[…]Das Grab am Wege zeigt die Bahn, die schlichten Hügel halb verwittert und verweht, sie werden Euch zur Höhe führen, in freie Zukunft, frohen Frieden: ins Land der Verheißung.

Gräber sollten ein wiederkehrendes Motiv in den Schriften von Rabbi Levi werden. Er wurde 1918 Nachfolger des berühmten Rabbiners der Mainzer jüdischen Gemeinde, Professor Sigmund Salfeld (1843-1926), der aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand treten musste. Im Jahr 1926 veröffentlichte Levi sein Buch „Beiträge zur Geschichte der ältesten jüdischen Gräber in Mainz“, ein äusserst wichtiges Dokument über die alten jüdischen Gräber in Mainz, mit Fotos und Transkriptionen der Inschriften auf den Grabsteinen.

Das Büchlein erschien begleitend zu einem anderen grossen Projekt des Rabbiners Levi. Als im 19. Jahrhundert bei Bauarbeiten in der Stadt Mainz rund 180 mittelalterliche Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs gefunden wurden, entstand der Plan, sie an alter Stelle wieder aufzustellen. Im Oktober 1926 weihte schliesslich Rabbiner Sali Levi im Beisein zahlreicher staatlicher, kommunaler und kirchlicher Würdenträger den Gedenkfriedhof auf dem Gelände oberhalb des frühneuzeitlichen Friedhofs ein.

1934, nach der Machtübernahme durch die Nazis, wurde Levi zum Leiter der jüdischen Bezirksschule in Mainz ernannt, die in der Synagoge in der Hindenburgstrasse untergebracht und ausschliesslich für jüdische Schüler/innen bestimmt war. Dieses Amt übte er bis Mai 1936 aus. Nach einem Besuch in den USA kehrte er 1938 nach Mainz zurück, um seine Gemeinde weiter zu unterstützen und ihnen bei der Beschaffung von Visa für die Auswanderung aus Deutschland behilflich zu sein. Sali Levi blieb bis zum Frühjahr 1941 in Mainz, als er sich zur Emigration entschloss. Er reiste nach Berlin, um von dort aus seine Auswanderung in die USA vorzubereiten. Nach wochenlangem Warten auf ein Visum starb er dort am 25. April 1941 an einem Herzinfarkt.

Der Mann, der so viel von seinem Leben der Geschichte der Mainzer Gräber gewidmet hat, ist leider ausserhalb der Grenzen seiner geliebten Gemeinde begraben. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee beigesetzt, auf dem Weg zwischen seiner Mainzer Gemeinde und seiner Frau und seinen Kindern, die in die USA fliehen konnten. Dennoch ist Rabbiner Sali Levi bis heute als letzter Rabbiner der jüdischen Gemeinde Mainz bekannt.

Oded Fluss. Zürich, 1.2.2024.


schön, wie aus einem buch einer bibliothek auf grund eines ex libris eine ganze biografie erzählt wird, wie aus einem buch, das vor jahrzehnten erschienen ist, geschichte lebendig wird!
Vielen Dank Michael!