Eine Titelseite voller Rätsel.

„Sefer Imre Bina“ (Worte der Einsicht) Berlin, 1784 (BH 93)

Die beste Freundin von Bibliothekar/innen ist die Titelseite eines Buches. Darin findet man normalerweise alle Informationen zum Buch: den Autor, den Ort und das Datum der Veröffentlichung, den Verlag usw. Manchmal, und besonders wenn es um alte Bücher geht, enthält die Titelseite noch mehr hilfreiche Informationen. In einigen anderen Fällen fehlen sehr wichtige Informationen vollständig. Am problematischsten, und dies geschieht aus verschiedenen Gründen, ist, wenn die Titelseite vollständig fehlt. In allen oben genannten Fällen müssen Bibliothekar/innen ihre normale Rolle als Katalogisierende und Archivierende aufgeben und die Detektivkleidung anziehen.
Das vor uns liegende Buch ist ein gutes Beispiel dafür, wie verfänglich eine Titelseite sein kann. Es gibt keine Informationen über den Verlag, den Drucker oder den Ort der Veröffentlichung. Ausserdem wird das Buch beschrieben, als aus einer alten Bibliothek stammend und dass darin „Haskamot“ ( Zustimmungen/ Imprimatur) von alten angesehenen „Geonim“ (Genies) enthalten sind. Der Autor des Buches bleibt ein Rätsel und wird nur durch das Wort „Pil’i“ (wunderbar, rätselhaft) erwähnt. Was uns bleibt, ist das Erscheinungsdatum, das in Gematrie auf das Jahr 1784 berechnet wird, und zwei sehr einzigartige Informationen: die erste eine Stempel aus einer unbekannten Quelle, die andere eine handschriftliche Widmung.


Die Widmung wurde in schöner Handschrift am Tag Dalet von Elul (ד‘ באלול) im Jahr (תקנ“א) 5551 geschrieben. Das ist der 3. September 1791. Der Empfänger ist Dov Beer Flies, „Führer der Adligen“, der Vater des Arztes Itzek Flies, aus Anlass des Hochzeitstages seines Sohnes mit der Tochter des „Nadiv“ Moshe.
Die Widmung ist nicht unterschrieben.
Eine schnelle Untersuchung im Berliner Adresskalender zeigt, dass es tatsächlich einen jüdischen Arzt namens Itzek Flies (manchmal Fliess) gab, der Mitte des 18. Jahrhunderts in Berlin lebte und Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin arbeitete. Sein Vater Dov Beer Flies wird ebenfalls als Einwohner Berlins erwähnt.
Öffnen wir das Buch „Geschichte der hebräischen Typografie“ von Chaim Dov (Bernard) Friedberg unter dem Kapitel „Berlin“, finden wir tatsächlich unser Buch, das 1784 „ohne den Namen des Druckers“ gedruckt wurde, in Berlin vom Drucker und wirklichen Autor des Buches Isaac Satanow (1732-1804) geschrieben.

Logo der Jüdischen Freyschule Berlin, 1779

Satanow war im 18. Jahrhundert ein sehr umstrittener Gelehrter und hebräischer Schriftsteller. Er war Leiter der Druckerei der Berliner Jüdischen Freyschule, einer Schule für arme jüdische Kinder, die stark von den Ideen der Aufklärung beeinflusst war und als erste jüdische Schule nichtreligiöse Themen unterrichtete. Satanow war auch als jemand bekannt, der Bücher schrieb, sie aber als Schriften präsentierte, die er gefunden hatte und die in der Antike geschrieben worden waren. Er tat dies sowohl, um seine Bücher wichtiger zu machen, als auch um darin bestimmte Meinungen zu vertreten, die zu dieser Zeit höchst inakzeptabel waren. Heute können wir auf ihn zurückblicken und sagen, dass er nicht nur umstritten, sondern auch eine der Schlüsselfiguren bei der Wiederbelebung der modernen hebräischen Sprache war. Sein wichtigstes und berühmtestes Buch „Mishle Asaf“ (Assaf’s Spruchweisheiten), das wie unser Buch als verlorenes Manuskript präsentiert wird, trägt die Namen: Itzek und Dov Beer Flies als Unterstützer und Finanziers. Wir können daraus den Schluss ziehen, dass die vorliegende Widmung von Satanow selbst für die Hochzeit seines Bekannten geschrieben wurde.

Wir haben bereits viele wichtige Details herausgefunden: den Namen des Autors und des Druckers, den Ort der Veröffentlichung sowie den Widmenden und seine Verbindung zum Gewidmeten.
Unsere nächste Herausforderung ist der Stempel. Es ist keiner, den wir aus anderen Breslauer Büchern kennen, und eine erste Suche nach ähnlichen Stempeln führt zu keinen Ergebnissen. Eine Sache, die klar ist, ist das Wort „ZYD“, das polnisch für „Jude“ ist. Wir wissen daher, dass wir im polnischen Kontext nach diesem Stempel suchen müssen. Nach vielen Versuchen und Anfragen in verschiedenen Foren stossen wir in einem Buch in der Yad va-Shem-Bibliothek auf einen ähnlichen Stempel.

Hier ist es etwas einfacher die Schrift zu erkennen, aber immer noch schwer sie vollständig zu verstehen.
Zwei weitere Wörter, genauer gesagt Abkürzungen, sind KAL, was für die polnische Stadt Kalisz steht, und KSIA, was wahrscheinlich eine Abkürzung für das polnische Wort „Ksiazka“ d.h „Buch“, ist.
Wir wissen, dass Kalisz eine sehr wohlhabende und wichtige alte jüdische Gemeinde hatte, die während des Holocaust vollständig ausgelöscht wurde. Dieser Buchstempel, der noch nicht ganz klar ist, gehört wahrscheinlich zu einer alten Bibliothek oder Synagoge dieser alten Gemeinde und ist ein sehr seltenes Zeugnis ihrer Existenz.
Die Buchstaben GR und SR im unteren Teil des Stempels bleiben uns unbekannt und ein Rätsel. Eine gute Annahme unserer Bibliothekarin Kerstin Paul ist, dass es das Bezirksgericht Kalisz (Sąd Rejonowy) sein könnte, das die gleichen Initialen und auch ein ähnliches Wappen hat, aber wir konnten es nicht überprüfen. Selbstverständlich würden wir uns wie immer freuen, wenn Sie uns helfen, herauszufinden, was diese Initialen bedeuten.

Logo des Bezirksgerichts (Sąd Rejonowy) Kalisz

*Update:
Auf Facebook hatte Stefan Litt, Bibliothekar und Archivar der Nationalbibliothek Israel diesen Kommentar hinzugefügt:

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