Schofar blasen, um den Teufel zu verwirren

Josef Budko – Schofar

Glied für Glied haben sich in der Kette der jüdischen Generationen viele Rituale und Bräuche, Überzeugungen und Meinungen zu dem zusammengefügt, was wir heute über die Tage Rosch Haschana und Jom Kippur, die Tage dazwischen und die Tage davor wissen. Eines der wichtigsten und bekanntesten Rituale ist das Schofarblasen.
Der Schofar ist ein Blasinstrument, das in der Regel aus dem Horn eines Widders hergestellt wird. Das Verbot, ein Kuhhorn als Schofar zu verwenden, besteht nach der talmudischen Literatur darin, dass sich ein Ankläger (קטגור) nicht in einen Fürsprecher (סניגור) verwandeln darf; dies ist ein Verweis auf die Sünde des Goldenen Kalb.
Das jüdische Gesetz schreibt vor, dass der Schofar an beiden Tagen von Rosch Haschana 30 Mal geblasen werden muss, aber nach einem Brauch wird es an jedem Tag 100 oder 101 Mal geblasen. Manche schreiben dieses Ritual nur den Tagen von Rosch Haschana zu, während nach anderen Traditionen das Schofarblasen vom Beginn des Monats Elul bis zum Ende des Jamin Noraim stattfinden sollte.


Die Gründe für das Blasen des Schofars an diesen Tagen sind vielfältig. Rosch Haschana ist auch unter dem Namen Jom Teruah (Tag des Blasens) bekannt, weil im Buch Bamidbar erwähnt wird: „Am ersten Tag des siebten Monats sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten; an diesem Tag dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten. Es soll für euch ein Tag des Lärmblasens sein.“ Manche sehen darin eine Erinnerung an die Bindung Isaaks (Akedat Yitzhak), denn der Schofar erinnert an die geplante Opferung Isaaks durch Abraham für Gott. An Isaaks Stelle wurde dann aber ein Widder geopfert, dessen Hörner Gott an das stellvertretende Sühneopfer Israels erinnern sollten.

Marc Chagall – Schofar

Wir wollen uns hier auf eine andere Begründung konzentrieren, die in der jüdischen Tradition immer wieder erwähnt wird und auch in Agnons Jamim Noraim-Buch (Siehe auch unseren früheren Beitrag über Agnons Buch hier: https://breslauersammlung.com/2022/08/29/jamim-noraim/) viele Beispiele findet, nämlich das Blasen des Schofars, um den Teufel (Satan) zu verwirren oder wörtlich: durcheinander zu bringen (לערבב את השטן).

Uriel Birnbaum – Jom Kippur

Nach einigen jüdischen Überlieferungen wird die Zeit vor und während Rosch Haschana vom Teufel genutzt, um das Volk Israel anzuprangern und gegen es auszusagen. Der Schofar wird hier als Mittel der Sabotage gegen den Teufel eingesetzt, um ihn daran zu hindern, sich einzumischen. Agnon bringt uns ein paar Quellen zu diesem Brauch, von denen viele in unserer Breslauer Sammlung zu finden sind.
Beginnen wir mit demjenigen, der lernen will, wie man das Horn bläst. Bereits in dieser Phase erwähnt Agnon eine Regel von Rabbi Elijah Spira (1660 – 1712) in seinem Buch אליה רבה Elijah Raba:

Elijahu ben Benjamin Wolf – Sefer Elijah Raba. Sulzbach, 1757. BH 1068.

Wer blasen will, um zu lernen, wie man bläst, tut dies in einer Mikwe oder einem geschlossenen Raum, um Satan nicht daran zu gewöhnen.

Was genau damit gemeint ist, dass der Teufel sich daran gewöhnt, werden wir besser verstehen, wenn wir zwei andere Quellen heranziehen, die Agnon zusammenführt, eine aus dem Sefer לבוש Lewusch von Rabbi Mordechai Jaffe (1530 – 1612) und die andere aus dem Sefer מטה משה Mate Moshe von Rabbi Moshe ben Avraham von Przemyśl (Mat) (1550 – ca. 1606):

Moshe Mat – Sefer Mate Moshe. Frankfurt, 1719. H 7110.

Nachdem man mit den Selichot fertig ist und man Schacharit betet, soll kein Horn geblasen werden wie an den anderen Tagen des Elul, dies, um eine Pause zwischen dem Brauchblasen und dem Pflichtblasen zu machen, also dem Blasen des Monats Elul, das ein Brauch ist, und dem Blasen von Rosch Haschana, das die Tora anordnet (Sefer Levusch) Und um den Satan zu verwirren, damit er nicht weiß, wann Rosch Haschana ist und uns nicht anprangert, weil er denkt, dass der Tag des Gerichts schon vorbei ist.(Mate Mosche)
Sefer Chemdat Jamim. Venedig, 1763. BH 1157.

Eine weitere Quelle, die Agnon anführt, ist das Buch חמדת ימים „Chemdat Jamim“, ein kabbalistisches Buch, dessen Autor bis heute unbekannt ist (manche schreiben es Natan ha-azati zu). Agnon liefert hier eine weitere Erklärung dafür, wie der Schofar den Teufel verwirren kann:

unsere Vorväter hatten gesagt, dass der Sinn des Schofars darin besteht, den Satan zu verwirren, der denken würde, dass der Messias gekommen ist, denn der Satan ist so unwissend, dass er dieses Schofar mit dem Schofar der Tage des Messias verwechseln würde [… ] beim ersten Blasen würde er sich nicht so sehr fürchten, denn er ist bereits daran gewöhnt, dass bei diesem Volk ein erstes Zeichen nie in Betracht gezogen wird, weil ihr Ohr verstopt ist, aber wenn er das Schofar ein zweites Mal hört, würde er sich fürchten und denken, dass der Messias sicherlich gekommen ist, denn er weiss, dass ein zweites Zeichen von uns allen gehört wurde und wir alle Teschuwa gemacht haben und der Messias gekommen und der Tod beseitigt worden ist […]

Agnon bringt eine weitere Erklärung aus dem Sefer Orchot Chaim, in der Satan nur ein Allegorie für den „Yetzer hara“ ist, also für den bösen Trieb des Menschen:

Und es gibt diejenigen, die interpretieren „Satan zu verwirren“, als das Besiegen des bösen Triebs, wie es geschrieben steht (Amos, 3): „Bläst in der Stadt jemand ins Horn, / ohne dass das Volk erschrickt“. und Satan ist der böse Trieb, er ist der Todesangel.
Arno Nadel – Un’sane Tokef

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

Ein Grabstein zwischen den Seiten

Aaron Ben Abraham: „Sefer Hadrakha“. Breslau, 1830. BH 263

Ein sehr bekanntes Genre in der jüdischen Buchtradition ist die Mussar-Literatur [Sifrut-Mussar]. Sie stammt aus dem Mittelalter und dient als Anleitung zur Stärkung des Glaubens, der Tugend und des moralischen Lebens (Mussar ist das hebräische Wort für Moral). In Anlehnung an die biblische Literatur sind diese Bücher eher auf das tägliche Leben ausgerichtet und konzentrieren sich in vielen Fällen auf die Beziehungen zwischen den Menschen.
Bei dem uns vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine Untergattung der Sifrut Mussar – den so genannten Testament-Büchern. Es handelt sich um ein Buch, das ein Vater und Grossvater für seine Kinder und Enkel in Form eines Testaments geschrieben hat. Der Autor Aaron Ben Abraham, ein Gemeindeprediger aus Rawitsch [Rawicz] , glaubte, dass seine Aufgabe auf Erden, seine Nachkommen zu führen, nicht mit seinem Tod endet, und so nutzt er sein Buch „Sefer Hadrakha“ (Das Buch der Leitung), um sie auch nach seinem Tod zu leiten:

“ Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern eine Ermahnung zu hinterlassen, um sie in der Furcht Gottes und in der Art seiner Anbetung zu unterweisen. Sogar wenn ein Mensch selbst vollkommen wäre, hätte er seine Pflicht nicht erfüllt, indem er nur sich selbst vervollkommnet hätte. Denn wenn er nicht den starken Drang verspürt, andere zu vervollkommnen, kann er für sich persönlich nicht vollkommen sein, da er das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersehen hat.“

Das Buch ist alphabetisch geordnet, beginnend mit dem hebräischen Buchstaben א [Alef] und endend mit dem letzten Buchstaben ת [Tav], und symbolisiert so eine ganze Lebensspanne. Jeder Buchstabe steht für einen Aspekt des Lebens oder des Glaubens, auf den der Autor eingeht. So ist zum Beispiel der Buchstabe א [Alef]: „Emuna“ (Glaube); ט [Tet]: Tom’a und Tohara (Unreinheit und Reinheit); צ [Tzadik]: Tzedaka und so weiter. Einen besonderen letzten Platz weist der Schreiber dem hebräischen Buchstaben ת [Tav] zu, der für das Wort „Toldot“ steht; ein ganz spezielles hebräisches Wort, das sowohl Ursprung als auch Ergebnis bedeutet und somit Vergangenheit und Zukunft verbindet. Indem der Vater seine Kinder dazu anleitet, Gott zu folgen, lenkt er ihr Schicksal, während diese, indem sie dem folgen, was er sie gelehrt hat, umgekehrt wiederum auch sein Schicksal nach seinem Tod lenken.

“ Im Tod ist zwar alles vorbei, aber wenn der Vater seine Kinder angeleitet hat, Gottes Wegen zu folgen, hängt ihre Tugend von ihm ab und damit hat er kein Ende, solange sein Same weiterlebt.“

Aaron Ben Abraham teilt viele seiner persönlichen Erfahrungen mit Sünde und Teschuwa (Umkehr) und erklärt in einem schönen Satz die Tugend des Weinens, ein sehr wichtiges jüdisches Motiv im Akt der Reue.

“ Manchmal werden Sie vom Jetzer (Trieb) ergriffen und mit Sünde beschmutzt […] in jedem Fall müssen Sie über die Sünde, die Sie begangen haben, in der Zeit der Beichte weinen, denn Weinen überwindet alles. Und wie unsere Väter z“l sagten: alle Tore waren verschlossen, ausser den Toren der Tränen, und die Tugend des Weinens ist es, von Sünde zu heilen.“

Am Ende des Buches schreibt Aaron Ben Abraham, wie seine Beerdigung ablaufen soll. Er bittet darum, dass niemand, der ihn hasst, während dieser Zeit in seiner Nähe sein darf, und droht, dass demjenigen etwas Schlimmes zustossen wird, wenn jemand dies gegen seinen Willen tut. Er will keine Grabreden, nicht während der Zeremonie und auch nicht danach, „weil ich in meiner Seele weiss, dass ich nicht einer bin, der es wert ist“. Er möchte nicht, dass man nach seinem Tod gut über ihn spricht, denn er war nie jemand, der nach Respekt strebte. Er bittet nur darum, dass seine Kinder und Freunde jeden Tag mindestens vier Kapitel der Mischna zu Ehren seiner Seele studieren. Diejenigen, die nicht religiös sind, bittet er, jeden Tag zehn Kapitel der Tehilim zu lesen. Zu seiner eigentlichen Beerdigung bittet er um ein bescheidenes Grab in der Nähe seiner Väter.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof Rawitsch

Aaron Ben Abrahams Wunsch, seine letzte Ruhestätte in der Nähe seiner Väter zu finden, wurde erfüllt und er wurde – wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rawitsch – auf einem Friedhof im nahegelegenen Dorf Zirkobo begraben. Dies fand jedoch ein tragisches Ende mit dem Einmarsch der Nazis in Polen Anfang 1939 und der totalen Schändung und Zerstörung des Friedhofs durch sie. Das Einzige, was von dem Friedhof übrig blieb, war das Eingangstor und darüber die Schrift in Hebräisch und Deutsch: „ד‘ ממית ומחיה מוריד שאול ויעל“ „Gott tötet und belebt, führt in die Scheol [Hades] und führt herauf.“ (Samuel I 2,6).

Und so befahl er, auf seinen Grabstein zu schreiben: Zu seinen Lebzeiten/ fuhr ihn Gott auf einem schnellen Gewolk [Jesaja 19,1 ]/ Und nun nahm er seine Kraft [Daniel 10, 8 ]/ Aaron Ben Abraham z“l/ Möge seine Seele mit dem Band des ewigen Lebens verbunden sein.

Den Rawitsch-Friedhof gibt es nicht mehr, aber der Grabstein von Aaron Ben Abraham lebt weiter, und zwar in gedruckter Form. Ben Abraham hatte einen ganz bestimmten Wunsch, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Seine Enkelkinder haben diesem Wunsch entsprochen und ihn auch in das Buch ihres Grossvaters gedruckt, und zwar in Form eines Grabsteins. Diese einzigartige Komposition aus einem gedruckten Grab und der Grabsteininschrift, die wir auf der letzten Seite des Buches finden, ermöglicht es, uns weiterhin an den Autor zu erinnern.

Oded Fluss. Zürich, 11.8.2022

Das Buch Ruth und Schawuot

Ludwig Schwerin – Das Buch Ruth (1934)
.כִּי אֶל-אֲשֶׁר תֵּלְכִי אֵלֵךְ, וּבַאֲשֶׁר תָּלִינִי אָלִין--עַמֵּךְ עַמִּי, וֵאלֹהַיִךְ אֱלֹהָי (רות א', טז)
"Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, wo du bleibst, bleibe auch ich, dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott" (Ruth 1, 16)

Chag Schawuot (das Wochenfest) ist ein Feiertag, der menschliche und natürliche Elemente mit universellen und moralischen Elementen verbindet. Der Empfang der zehn Gebote auf dem Berg Sinai ist das Ereignis, bei dem der singuläre Wille der Vielen zum universellen Gesetz wird und ein Volk zu einer Nation.  Die Tradition des Tikun Schawuot (Tikun ist aramäisch für Dekoration), bei der die ganze Nacht über die Tora studiert wird, um die Seele zu reparieren (Tikun ist hebräisch für Reparatur), ist mit dem Erwachen der Natur verbunden, die sich regeneriert und die Erde mit Farben schmückt und Düfte verbreitet. Die Ernte der Feldfrüchte, die während Schawuot anfällt, ist mit Dankbarkeit gegenüber Gott und Wohltätigkeit gegenüber Menschen in Not verbunden.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Es ist also kein Wunder, dass Megillat Ruth (das Buch Ruth), die all dies in einer einfachen kurzen Geschichte zusammenfasst, in die Schawuot-Tradition aufgenommen wurde. Diese Idylle, die in der Zeit der Ernte spielt, erzählt die Geschichte von Ruth, einer moabitischen Frau, die trotz grosser Not und nach dem Verlust ihres Mannes in einem Akt grossen Glaubens die jüdische Religion annimmt. Sie lehnt die Aufforderung ihrer jüdischen Schwiegermutter Noemi ab, zu ihrer Familie zurückzukehren, und lässt diese zusammen mit ihrem Land und ihrem Volk hinter sich, um Noemi in ihre Heimatstadt Bet Lechem zu begleiten. In Bet Lechem, umgeben von reifen Gerstenfeldern, trifft Rut auf ihren zukünftigen Ehemann Boas, der sie wegen ihrer tugendhaften Taten in sein Herz schliesst. Ruth wird für ihre Treue mit einem Sohn belohnt und wird schliesslich die Urgrossmutter von König David werden.

Das Buch Ruth im Machzor ke-Minhag Aschkenazim. Wilmersdorf 1750.

Die Geschichte enthält alle Merkmale des Feiertags Schawuot, eines Feiertags, der im Gegensatz zu anderen jüdischen Feiertagen kein herausragendes Symbol hat. In der Geschichte nimmt Ruth die jüdische Religion an und symbolisiert dadurch die Annahme der Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Die Idee der Almosen und des Mitleids, die sowohl Ruth gegenüber ihrer Schwiegermutter als auch Boas gegenüber Ruth zeigt, als er ihr erlaubt, in seinem Feld zu sammeln, sind mit der Idee von „Chesed“ und Altruismus verwoben, für die Schawuot bekannt ist. Die halachische Tradition, nach der König David an Schawuot geboren wurde und auch starb, kommt ebenfalls ins Spiel, denn das Buch schliesst mit der Erwähnung, dass David der Nachkomme von Ruth ist und als Belohnung für ihre Taten gesehen wird. Auch die Natur spielt in der Geschichte eine grosse Rolle, denn sie spielt sich hauptsächlich in der Zeit der Ernte und vor dem Hintergrund offener Felder ab.

Dieses kurze Buch (nur 24 Verse), das in vielen der Machzorim und Tikunim unserer Bibliothek vorkommt und in einigen unserer Machzorim nur eine Seite einnimmt, hat sowohl die jüdische, zionistische als auch die nichtjüdische Literatur und Kunst stark beeinflusst. Die einfache Struktur und Sprache des Buches, hinter der sich eine sehr tiefe Bedeutung und Moral verbirgt, ermöglichte es, von zahlreichen Autoren und Gelehrten interpretiert und angepasst zu werden. Aus den Kommentaren, die von Jahrhundert zu Jahrhundert zum Buch Ruth verfasst wurden, konnte man den Geist der jeweiligen Zeit, des Ortes oder der Kultur herauslesen und konstruieren.

Marc Chagall – Noemi und ihre Schwiegertöchter (1960)

In einem früheren Beitrag (Rabbiner Goethe: https://breslauersammlung.com/2022/03/21/rabbiner-goethe/) haben wir bereits über den grossen Einfluss gesprochen, den dieses Buch auf Goethes „Hermann und Dorothea“ hatte. Hier werden wir uns jedoch auf zwei seltene Bücher aus unserer Bibliothek konzentrieren, die sich auf interessante und ungewöhnliche Weise mit Buch Ruth beschäftigen.

Das erste Buch, das wir besprechen werden, befindet sich in unserer Breslauer Sammlung und wurde 1834 ebenfalls in Breslau gedruckt. Der Autor ist Isaac Jojade Cohn (1771-1841), ein Hebräischlehrer, der auch als Lehrer des berühmten niederländischen Malers Jozef Israels bekannt ist. Das Buch „Boas und Ruth“ wurde zweisprachig auf Hebräisch und Deutsch in Form eines Dramas veröffentlicht. Wie viele Theaterstücke der damaligen Zeit war es nicht für die Bühne gedacht, sondern sollte als Idylle gelesen werden.

Da Jojade Cohn das Buch Ruth als aktuell ansah, versuchte er, die biblische Geschichte für seine Zeit und seinen Glauben fruchtbar zu machen und anzupassen. Das Drama nimmt die bekannten Figuren aus dem Buch Ruth und nutzt sie, um die Ideen der Haskala (jüdische Aufklärung) wie Gleichheit zwischen den Geschlechtern, Pluralismus und Gleichheit zwischen Juden und Nichtjuden voranzutreiben. Jojade Cohn nutzt sowohl das Buch Ruth als auch die vielen Midraschim und Agadoth, insbesondere Midrasch Ruth Zuta, um seine Ideen zu vermitteln.

Jojade Cohn schrieb drei Einleitungen zu seinem Buch. Eine apologetische, in der er erklärt, dass er die biblische Quelle nicht genau verwendet, und die vielen Fragen und Zweifel erwähnt, die das Buch Ruth aufwirft. Die zweite heisst „Anrede dieses Werkes an den Leser“, in der er aus der Perspektive des Buches selbst schreibt, das zeitgemäss sei und nicht nur in den Bibliotheken verstauben soll. Die dritte Einleitung ist unapologetisch und Jojade erklärt darin, was ihn motiviert hat, das Buch zu schreiben, hauptsächlich die Ideen der Haskala, und warum er sein Buch für wichtig hält.

Aus „Die Welt“ 29.4.1904.

Ein zweites Buch, das sich eindeutig mit dem Buch Ruth beschäftigt, ist das 1903 erschienene „Ruth und andere Gedichte“ von Siegmund Werner (1867 – 1928). Werner war ein Mann mit vielen Eigenschaften, ein Zahnarzt, Schriftsteller und viele Jahre lang Redakteur der zionistischen Zeitung „Die Welt“. Er war auch ein sehr aktives Mitglied der zionistischen Bewegung sowie Sekretär und enger Freund von Theodor Herzl.

Mit dem Erwachen der zionistischen Bewegung, haben viele Juden ihr Interesse an der Bibel und ihrer Darstellung des Heiligen Landes geweckt. Das inspirierte viele Künstler und Autoren dazu, sich Palästina so vorzustellen, wie es in der Bibel vorkommt. Das Buch Ruth war in der zionistischen Bewegung schon immer sehr beliebt, denn es handelt von der Rückkehr in die Heimat, der Verbundenheit mit der Natur und der Feldarbeit. Werners Buch entsprach der Mode der Zeit, biblische Motive in romantischer Form darzustellen. Er nahm die grundlegende Geschichte und die Hauptfiguren des Buches und schrieb daraus moderne, zionistische Gedichte.

Unsere Bibliothek ist die einzige in Europa, die dieses sehr seltene Buch besitzt, das auch eine ausklappbare Notenseite zu einem von Werners Gedichten „Ich werde sein“ enthält, das von dem berühmten jüdischen Komponisten und engen Freund von Johannes Brahms, Ignaz Brüll (1846 – 1907) komponiert wurde:

Oded Fluss. Zürich, 2.6.2022

Abraham Cohn – Hebräischer Dichter und Büchersammler

Handschrift von Abraham Cohn in Hebräisch und Deutsch. In Hebräisch steht „Abraham lemikna“ aus dem Vers aus dem Buch Genesis.

In unserer Sammlung der Breslauer Bibliothek stossen wir immer wieder auf den Namen Abraham Cohn (Kohn) (27. April 1816 in Glogau – 4. Mai 1903 in Posen). Der Name erscheint auf einer Vielzahl von Büchern in der Sammlung, sei es auf Hebräisch sei es auf Deutsch, handschriftlich oder gestempelt, und auch in diesem einfachen uns vorliegenden Exlibris:

Eines der Bücher in der Sammlung trägt seinen Namen auch gedruckt, denn er ist der Autor des 1896 in Posen erschienenen Gedichtbandes “באר אברהם” „Beer Abraham“. Dieses Exemplar ist Abraham Cohns eigene Arbeitskopie mit vielen Korrekturen und Ergänzungen.

Sefer Beer Avraham – Sammlung hebräischer Dichtungen. Posen, 1896. BH 109

In den Jahresberichten des Breslauer Seminars von 1904 erfahren wir, dass Cohn seine gesamte Büchersammlung von 1500 Büchern der Bibliothek des Seminars vermacht hatte. Viele dieser Bücher sind in unserer Bibliothek angekommen.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung, 1904.

Die Bedeutung und Bekanntheit seiner Sammlung können wir aus der Zeitschrift „Hebräische Bibliographie“ aus dem Jahr 1858 erfahren:

Über Abraham Cohns Person und seine Bedeutung in seiner Gemeinde können wir in einem Nachruf im Israelit von 1903 lesen:

Der Israelit 22.6.1903

Israel Finkelscherer: Rabbiner, Bibliothekar, Buchliebhaber, Opfer.

Am diesjährigen internationalen Holocaustgedenktag möchten wir unseren Beitrag einer eher unbekannten Person widmen, die dennoch eine ganz besondere Verbindung zum Breslauer Rabbinerseminar und seiner Bibliothek hatte.

Israel Finkelscherer (1866-1942) wurde in Brody geboren und hat seine theologische Ausbildung am Rabbiner-Seminar in Breslau erhalten, wohin er schon mit einem gründlichen Wissen, besonders auf talmudischem Gebiet, gekommen war. Die dort wirkenden bekannten Meister der jüdisch-theologischen Disziplinen waren seine Lehrer, vor allem der Talmudist Israel Lewi (1841-1917), der später sein Schwiegervater werden sollte. 1893-1894 studierte er in Jena und wurde dort auch zum Dr. Phil. promoviert. Dr. Finkelscherer war schon in Breslau zur Vertretung für Seminardozenten des talmudischen Faches herangezogen worden war und hatte jahrelang die bekannte große Bibliothek des Seminars verwaltet.

Inaugural-Dissertation Universität Jena, Breslau 1894.

1898 kam er nach München, wo er im rabbinischen Amt und im Lehrberuf sowie als Bibliothekar der Gemeinde arbeitete. Der Schriftsteller und Dichter Schalom Ben-Chorin (1913-1999) berichtet in seinen Erinnerungen: „Das umfangreiche Material für meine Studien hatte ich der reichhaltigen Bibliothek der Jüdischen Gemeinde entnommen, als deren Bibliothekar der gelehrte Rabbiner Israel Finkelscherer wirkte. Mit seiner spitzen Fistelstimme bemerkte er zu der Wahl meiner Lektüre ‚Warum lesen Sie dieses Zeug; Sie sind schon meschugge genug'“.

Jahresbericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel’scher Stiftung 1891

Als grosser Bücherliebhaber organisierte er am 22. März 1929 eine Ausstellung über das jüdische Buch. Dazu schrieb er einen kleinen Text, der am 15. März 1929 in der Bayerischen Israelischen Gemeindezeitung veröffentlicht wurde: „…für den Juden das Buch gleichsam den Inbegriff seiner Existenz als völkische Individualität bedeutet. Eine tiefe Verbundenheit besteht zwischen Buch und Judentum. Das Buch (Die Thora) hat den Juden erst geschaffen und geformt, ihm religiöse Einheit und völkische Realität gebracht und im Buche (der Bibel) hat das Judentum sein geistiges und sittliches Ideal als wirkendes kulturelles Element der Welt übergeben. Von dem Lande seiner erste Heimat losgerissen ist das Buch der Heimatboden geworden, auf dem seine Eigenheit gewahrt blieb, auf dem das Erbe der Väter in treuer Hut gepflegt in jeder Periode seiner Geschichte ihm kraftspendende Früchte getragen hat. Ein Buch ist es, das dem Judentum die Fähigkeit verliehen hat, losgelöst von nationaler Gebundenheit, von Landesgrenzen nicht eingeengt, sich sein religiöses und geistiges Leben auszubauen und durch die Jahrtausende zu erhalten…“

Israelitisches Familienblatt 16.7.1936

Im Juli 1936 konnte man im „Israelitschen Famillienblatt“ noch von einer Feier zu seinem 70. Geburtstag lesen, die von der jüdischen Gemeinde in München zu seinen Ehren veranstaltet wurde, doch das sind die letzten positiven Nachrichten, die uns begegnen. Am 15. Mai 1942 wurden Israel Finkelscherer, seine Frau und seine beiden Söhne gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und in eine so genannte „Judenwohnung“ neben der bereits in der Pogromnacht zerstörten „Ohel Jaakov“ Synagoge zu ziehen. Am 25. Juni sollte dies der Ausgangspunkt für ihre Deportation nach Theresienstadt sein.

Am 6. Oktober 1942 kam er im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Seine Frau Bella (Lewi) Finkelscherer starb einen Monat später.

Vier Rätsel und eine Zeichnung

In den Büchern der Breslauer Sammlung findet man häufig Handschriftliches. Seien es Widmungen, Namen früherer Besitzer, Korrekturen, Zensuren, oder manchmal auch ein kompletter Stammbaum (siehe Blog-Eintrag vom 18.2.2021 Eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz„). Viele der handschriftlichen Zeugnisse in den Büchern sind von geringer Bedeutung. Bei der Katalogisierung eines Buches, muss man jedoch sehr vorsichtig sein, da die handschriftlichen Zeugnisse manchmal sogar wichtiger und interessanter sind, als das Buch selbst. Das Buch, das wir heute vorstellen, hat etwas ganz Besonderes an sich.
Es wurde 1714 in Amsterdam gedruckt und trägt den Titel Devek Tov (guter Leim) und ist eine Interpretation von Rashis Kommentar auf Chamishah Chumshe Torah, von Rabbi Shimon Aschenburg ha-Levi.

Rabbi Shimon Aschenburg ha-Levi – Sefer „Devek Tov“. Amsterdam, 1714. Breslauersammlung BH 216

Das Besondere an diesem Buch ist jedoch nicht nur sein Inhalt, sondern auch eine Handschrift, die auf der ersten Seite hinzugefügt wurde.
Wenn man das Buch aufschlägt, findet man eine sehr interessante Zeichnung eines Mannes mit Zylinder, der eine zusammengerollte Zigarette zu rauchen scheint und einen Stock hält. Die Zeichnung, die auf den ersten Blick wie das Gekritzel eines Kindes aussieht, enthält wichtige Informationen. Auf dem Gesicht des Mannes findet man die hebräischen Buchstaben תעד. Diese Buchstaben, wenn sie in Gematrie berechnet werden, ergeben 1714, das Jahr in dem das Buch veröffentlicht wurde. Daher könnten wir vermuten, dass diese Zeichnung und die Notizen daneben aus diesem Jahr stammen.

Über dem Mann ist eine Liste in vier Abschnitten. Jeder davon beginnt mit dem hebräischen Wort Chida (Rätsel). Es hat eine Weile gedauert, bis wir die Schriften entziffern und diese vier Rätsel entschlüsseln konnten. Zwei davon waren besonders schwer zu lösen.
Wir bringen sie hier zu Ihrem Vergnügen:

Das erste Rätsel ist bereits bekannt:
חדה
הולך בלא רגלים“
מכה בלא ידים
מכה זה בנים שמחים“

Rätsel

„Geht ohne Beine
schlägt ohne Hände
wenn es trifft, sind die Jungs glücklich“

Es ist wichtig zu bemerken, dass das Wort זה, das auf Hebräisch „es“ bedeutet, eine geschweifte Linie darüber hat. Das bedeutet normalerweise, dass man Gematrie verwenden sollte, um die Zahl zu finden, für die dieses Wort steht, in diesem Fall ist זה die Zahl 12.
Dann stellt man fest, dass die Lösung des Rätsels ganz offensichtlich eine Uhr ist. Ein Ding, das ohne Beine läuft und ohne Hände schlägt. Wenn sie 12 schlägt, dann sind die Kinder glücklich.

Das zweite Rätsel ist am schwierigsten ins Deutsche zu übersetzen, da es sich um ein hebräisches Wortspiel handelt.
חדה
רומח אין לו פה
ואפוך יש לו פה
מי שאינו יודע זה
הרי הוא דומה לזה

Rätsel
„רומח (ein Speer) hat kein Maul
rückwärts hat er ein Maul
Derjenige, der es nicht begreift
ist derjenige, der ihm ähnelt.“

Das Wort für Speer im Hebräischen ist רומח und wenn man dieses Wort rückwärts liest, erhält man חמור ein Esel. Der Esel hat im Gegensatz zum Speer ein Maul. Diejenigen, die das nicht begreifen können, sind also wie Esel.

Das dritte Rätsel ist schon ziemlich schwierig.

חדה
הבורא לא ראהו מעולם
המלך בשר ודם לעתים רחוק
שאר בני אדם בכל יום ויום

Rätsel

Der Schöpfer hat ihn nie gesehen
der König hatte ihn sehr selten gesehen
der einfache Mann sieht ihn jeden Tag

Fragen Sie sich, was der einfache Mann jeden Tag sieht, der König nur sehr selten und Gott selbst nie?
Die Antwort lautet: jemanden wie sich selbst.

Das vierte Rätsel ist auch eine harte Nuss:

חדה
המתים יאכלוהו
ואם יאכלו החיים ימותו

Rätsel
Die Toten essen es
und wenn die Lebenden es essen würden, sterben sie.

Was essen die Toten? Die Antwort lautet: nichts.
Und wenn die Lebenden nichts essen, würden sie sterben.

Viele Bücher in der Breslauer Sammlung sind rätselhaft und dieses Buch im Besondern.

Der Dichter, der Blumen schrieb

Agudat Perachim „Blüthenstrauß“, Altona 1880 Breslauer Sammlung BH 8

„Nehmt hin, liebe Leser, diese anspruchslosen Blüthen…“

Jochanan Wittkower (1830-1889) war Dichter, Übersetzer, Lehrer, aber vor allem Hebraist. Sein Buch אגדת פרחים „Blüthenstrauss“, das er 1880 im Selbstverlag herausgab, fasst sein Lebens- und Liebesprojekt auf einzigartige und wunderbare Weise zusammen. Das Buch ist der hebräischen Sprache gewidmet und ist ein frühes Zeugnis für die Bedeutung jüdischer deutscher Gelehrter bei der Erneuerung der alten Sprache im 19. Jahrhundert.

Als Geschenk zugedacht, sollte das Buch vor allem die Leidenschaft der jungen Generation für die heilige Sprache wieder erwecken, oder wie Wittkower in seinem schönen Vorwort schreibt „Nicht Ruhmbegier oder Aussicht auf pecuniäre Vorteile veranlassen mich zu diesem Schritte, sondern unbegrenzte Liebe zu unserer heiligen Sprache und das aufrichtige Streben, diese Liebe auch im Herzen unserer Jugend, wo sie leider erkältet ist, wieder anzufachen.“ Als Hebräischlehrer in der jüdischen Gemeinde von Altona erklärt Wittkower die pädagogische Idee, die dem Aufbau des Buches zugrunde liegt: „…in meiner langjährigen Praxis als Jugendbildner hatte ich vielfach Gelegenheit, zu bemerken, dass Schüler sowohl, als auch Schülerinnen eine leichte Übersetzung trefflicher Kernsprüche in poetischer Form mit Freuden ihrem geistigen Schatze einverleibten und oft dadurch angeeifert wurden, sich in Ähnlichem zu versuchen.“ Diesem Verständnis folgend, enthält das Buch hauptsächlich Gedichte, Fabeln und kurze Artikel in einer zweisprachigen Form, bei der die Originalsprache auf der einen Seite und die Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite steht. Wittkower hat diese sowohl aus dem Hebräischen ins Deutsche als auch aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzen lassen, was sich im Buch als eine umfangreiche Sammlung präsentiert, die von Gedichten von Goethe und Schiller bis zu Gedanken und Sprüchen aus Talmud und Midrasch reicht.
Um eine Vorstellung von dem reichen Inhalt des Buches zu vermitteln, geben wir ein Verzeichnis der einzelnen Abteilungen mit Beispielen aus jedem Bereich wieder:

Der erste Teil פרחי לבנון „Moral-Gedichte zur Erbauung und Belehrung“ betrifft hauptsächlich religiöse und moralische Themen und soll lehren, wie man ein ethisches Leben führt.

Der zweite Teil פרחי נעמנים besteht aus Gedanken und Sprüchen aus dem Talmud, sowie aus Sinn- und Volkssprüchen.

Der dritte und unterhaltsamste Teil פרחי שעשועים „Epigramme“ enthält ernste und erbauliche, aber auch scherzhafte und satirische Inhalte.

Dieses Gedicht wurde zum Gedenken an den Bruder des Autors geschrieben und sollte neben seinem Grab rezitiert werden.

Der vierte Teil, פרחי העתים „Gelegenheits-Gedichte“, besteht, wie der Name schon sagt, aus Gedichten und Sprüchen, die zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten verwendet werden sollen. Hier bringt der Verfasser Gedichte für fröhliche Anlässe wie Hochzeiten und Geburtstage, auch für traurige Anlässe wie Beerdigungen.

Zwillinge, die im selben Grab liegen: „Nackt sind wir zusammen aus dem Mutterleib gekommen, und nackt kehren wir zusammen in den Mutterleib [die Erde] zurück“. ein Gott hat uns beide geschaffen, wie könnte der Tod uns trennen? gemeinsam kehren wir dorthin zurück, woher wir gekommen sind, gemeinsam werden wir am Tag der Erlösung wiederkommen.

Der Anhang des Buches besteht aus zwei Teilen, die vielleicht die interessantesten und wichtigsten auch für Forschungszwecke sind. Diese beiden Teile: פרחי תמרורים „Grabschriften“ und פרחי זכרון „Grabschriften der auf dem alten Friedhofe zu Altona ruhenden Rabbinen und Gelehrten“ bestehen aus Texten, die der Autor von Grabsteinen abgeschrieben hatte. Diese sind manchmal anonym und der Titel lautet einfach „Mutter eines Kindes“, „Ehemann und Ehefrau“ oder „Grabstein eines Augenarztes“, aber manchmal, wenn es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelt, bringen sie den vollen Namen des Verstorbenen. Viele Fälle sind faszinierend, wie der Grabstein der „Zwillinge, die zusammen im selben Grab lagen“ oder der von Rabbiner Jonathan Eibeschütz, der seine eigene Grabinschrift schrieb.

Die Grabinschrift des Rabbiners Jonathan Eibeschütz, „in seiner eigenen Handschrift gefunden und auf seinem Grab präsentiert“.

In der Breslauer Sammlung findet man auch ein Buch, das dem Autor des hier vorgestellt Buches, Jochanan Wittkower, gehörte. Das Buch „Sefer Bechinot Olam“ „das Buch der Untersuchung der Welt“ wurde 1768 in Dyhernfurth [heute Brzeg Dolny in Polen] gedruckt und auf der ersten Seite des Buches findet man die handschriftliche Signatur von Jochanan BSL“Z (ben Scholomo Zalman) Wittkower. Altona.

Eine Selicha in Zeiten der Pest

Machzor nach polnischem Brauch. Altona, 1744. Breslauer Sammlung BH 1495

Plagen sind der jüdischen Geschichte nicht fremd, auch nicht in den hohen Zeiten der ‚Yamim Nora’im‘. Eine berühmte Geschichte handelt von Rabbi Israel Lipkin Salanter (1810 – 1883), dem Begründer der religiös-ethischen Schule ‚Musar‘. 1848 in Wilna während eines schrecklichen Ausbruchs der Cholera hat Salanter Essen und Trinken am Jom Kippur erlaubt. Als die Menschen sich weigerten, seiner Empfehlung zu folgen, ass und trank er öffentlich in einer Synagoge während der Jom Kippur-Gebete. Dieses Ereignis wurde von dem hebräischen Schriftsteller David Frischmann (1859 – 1922) in einer Kurzgeschichte mit dem Titel שלושה שאכלו „Von dreien, die gegessen haben…“ wunderbar verarbeitet. Eine deutsche Übersetzung der Geschichte, die in 1929 in dem Jüdisches Volkblatt erschienen ist, finden Sie hier:

Eine andere, nicht so bekannte Geschichte bezieht sich direkt auf eines der Bücher in unserer Sammlung. 1623 breitete sich die Windpockenplage in der jüdischen Gemeinde von Prag schnell aus und forderte viele Opfer, darunter auch viele Kinder.
Der Rabbiner der Gemeinde, Mosche Menachem Mendel (1574 – 1641), war ein berühmter Aschkenazi Rabbiner, der seine Frau durch diese Seuche verlor und eine besondere Selicha schrieb, in der er Gott um Vergebung und Hilfe bat.
Die Selicha, die als „פזמון בשעת המגפה ח“ו“ „Ein Pizmon [Chor] in Zeiten der Pest, Gott bewahre“ beschrieben wird, ist in Form eines Akrostichons geschrieben, in dem der erste Buchstabe jedes Satzes den Namen des Verfassers bildet.


Sie beginnt mit den Sätzen „Moschel ba-elyonim ata yadata et kol ha-tla’a. Shalit ba-tachtonim ha-shole’ach mazor u-refu’a“ „Herrscher des Höchsten, du hast all das Elend gekannt. Herr des Niedrigen, der Heilung und Gesundheit schickt“. Weiter wird jede einzelne Sünde beschrieben, die von der Gemeinschaft begangen worden sein könnte: Nichtbeachtung des Schabbat, ungerechtfertigter Hass, obszöne Sprache, Verunglimpfung des Namen Gottes usw. Diese Selicha ist aus der Gattung der „Pizmon“, was bedeutet, dass sie einen Refrain enthält, der sich nach jeder Strophe wiederholt. Hier kommt nach jeder Sünde der Vers: „ליי אלהינו חטאנו. אל נא רפא נא לנו“ „zu Gott haben wir gesündigt, bitte heile uns“.


Die Selicha ist weitgehend unbekannt und wurde in unserer Breslauer Sammlung in einem in Altona gedruckten Machzor von 1744 gefunden. Möglicherweise wurde sie wegen eines Ausbruchs der Beulenpest, die zu dieser Zeit in Europa grassierte, gedruckt.

Die wandernde Bibliothek

Diejenigen von Ihnen, die uns auf Instagram folgen, wissen, dass wir seit ein paar Monaten jeden Sonntag ein Exlibris veröffentlichen, dass einem jüdischen Buchsammler gehörte oder von einer/m jüdischen Künstler*in angefertigt wurde.
Das folgende Buch aus der Breslauer Sammlung erlaubt uns, unseren #exlibrissonntag mit unserem Blog zu verbinden. Das Buch „Herkunft und Gesinnung“ von Manfred Sturmann ist eine Sammlung jüdischer Gedichte, die 1935 in Berlin im Erich Reiss Verlag erschienen ist.
Obwohl der Band an sich sehr interessant ist, möchten wir uns eigentlich auf die erste Seite dieses Buches konzentrieren, die das wunderbare, expressionistisch anmutende Exlibris der „Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden“ trägt.

Manfred Sturmann – Herkunft und Gesinnung. Berlin, 1935. Breslauersammlung BD 3221

Das Projekt, das offiziell 1934 begann und vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ins Leben gerufen wurde, sollte die kulturelle Leere füllen, der viele jüdische Gemeinden, insbesondere die kleinen, ausgesetzt waren. Kulturelle Veranstaltungen und Zusammenkünfte waren den Juden in ganz Deutschland bereits untersagt. Bücher von jüdischen Autor*innen oder mit jüdischem Bezug wurden aus Geschäften und Bibliotheken entfernt und waren nur noch sehr schwer zu bekommen. Daher wurde versucht, die isolierten jüdischen Gemeinden irgendwie miteinander und mit ihrer Kultur in Verbindung zu halten. Einer der Wege, auf dem dieser Versuch unternommen wurde, war durch das jüdische Buch.

Hermann Schildberger, ein jüdischer Komponist und Dirigent, der einer der Anführer dieser Initiative war, schreibt 1934 „Diese notwendige und wichtige Ergänzung kann in umfassender Weise, durch das Buch geschehen. Es gilt daher, das jüdische Buch – jüdisch hier in einem ganz weiten Sinne gemeint – an den Einzelnen heranzubringen, insbesondere dort, wo bisher keine oder nur geringe Möglichkeiten bestanden, geeignete Bücher sich zugänglich zu machen“. 

Hermann Schildberger (1899-1974)

Zu diesem Zweck wurde eine ganz besondere Bibliothek gegründet. Die Bibliothek enthielt ursprünglich etwa 800 Bücher (unser Buch trägt die Nummer 425). Jedes dieser Bücher wurde von einer Gruppe professioneller Leute – unter ihnen Leo Hirsch, Hilde Marx, Kurt Pinthus und Kurt Walter Goldschmidt – sorgfältig überlegt und ausgewählt. Das Ziel war es, eine kleine Sammlung von Büchern zu schaffen, von denen die Bücher werden „aus allen wichtigen Gebieten jüdischen Wissens und jüdischer Bildung, abgestuft nach der Bedeutung und dem Interesse, das sie für den Leser haben, gewählt”. Die Leser würden also eine wichtige Rolle bei der Erweiterung der Bibliothek spielen, indem sie Bücher nach ihrem Interesse und Geschmack auswählen und bewerten würden.

Das Einzigartige an dieser Bibliothek ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Bibliotheken keinen festen Standort hatte. Das Exlibris, dessen Künstler unbekannt ist und dessen einziger Hinweis auf seine Identität die Initialen SLD sind, stellt dies auf wunderbare Weise dar, denn es zeigt ein Buch, das aus einem Davidstern gezogen wird.
Die Bücher, meist Spenden, wurden nach Berlin gebracht, dort in Kisten verpackt und an Vertrauensleute in ganz Deutschland verschickt. Diese hatten jeweils eine Kiste mit etwa 20 Büchern verschiedener Genres und Themen in der Hand. Sie waren dafür verantwortlich, die Bücher unter den Menschen in ihrem jeweiligen Gebiet zu verteilen. Die Leser hatten die Verantwortung, die Bücher nach einer bestimmten Zeit an den Vertrauensmann zurückzugeben. Die Buchkisten wurden regelmäßig unter den Vertrauensleuten getauscht. In ihrer Blütezeit umfasste die Bibliothek etwa 3000 Bücher. Ein sehr interessanter Katalog, der diese Bücher nicht nur auflistet, sondern auch eine kurze Beschreibung und eine Begründung dafür liefert, warum sie zu diesem sehr begrenzten und sorgfältig ausgewählten Bestand gehören, wurde 1937 vom Berthold Levy Verlag veröffentlicht.

Obwohl dieser Bibliotheksdienst nicht lange andauerte, zeigt er, wie wichtig den jüdischen Gemeinden Bücher auch in Zeiten grosser Not waren. Er zeigt auch, welche Anstrengungen die Menschen auf sich nahmen, um die jüdische Kultur am Leben zu erhalten.

Wie dieses Buch in die Breslauer Sammlung gelangte ist unbekannt. Es ist jedoch ein weiterer wichtiger Beweis dafür, dass ein Buch eine Geschichte erzählen kann, die sonst in Vergessenheit geraten würde.

„Die kleine Geographie“, ein Buch und eine Zeitkapsel.

„Bücher sind nicht tote Dinge, sondern enthalten eine Lebenspotenz, dazu angetan, so tätig zu sein, wie die Seele war, deren Kinder sie sind; ja, sie bewahren, wie in einer Phiole die reinste Wirksamkeit und Essenz des lebendigen Geistes, der sie erzeugte.“

John Milton
Ascher Rodin – „Die kleine Geographie“, Königsberg 1860. BH 170.

Ein Buch ist eine Zeitkapsel, es enthält Fakten, die zu der Zeit, in der es gedruckt wurde, stimmen. Es kann uns aber auch heute noch viel lehren.

Das Buch הגעאגראפיע הקטנה (die kleine Geographie), das vor uns liegt, wurde von Ascher Rodin geschrieben und 1860 in Königsberg gedruckt. Es ist ein schöner und etwas unbeholfener Versuch, die Welt zu beschreiben, geographisch, mit einem – noch – sehr begrenzten hebräischen Wortschatz. Wörter, die im modernen Hebräisch „aufgegeben“ wurden und schließlich ganz aus den europäischen Sprachen übernommen wurden, treffen hier auf höfliche Übersetzungsversuche: „Atmosphäre“, die im modernen Hebräisch einfach אטמוספירה ist, wird hier mit עיגול האויר „der Luftkreis“ übersetzt. „Republik“, das im modernen Hebräisch רפובליקה bleibt, wird hier als כנסיה, dem heutigen hebräischen Wort für Kirche, gebraucht. „Kontinent“, das im modernen Hebräisch יבשת heißt, wird hier in der schönen Übersetzung מצוק הארץ , „Kliff des Landes“ gebraucht.

Auch die historischen Fakten sind sehr interessant. Wir finden zum Beispiel „die Namen der aktuellen Könige Europas“: Alexander der Zweite, Napoleon der Dritte und Königin Victoria. Die Vereinigten Staaten, damit Sie es wissen, sind in zwei Teile geteilt: der nördliche Teil: „in dem es keine Sklaverei gibt“ und der südliche Teil, «in dem Sklaverei verbreitet ist» (das Land befand sich gerade am Rande des Bürgerkriegs).

Wir können nicht ohne die Schweiz enden, die hier als „Kirche“ mit 22 Kantonen vorgestellt wird. Sie teilt ihre Grenzen „mit Aschkenas, Italien und Frankreich“. Sie ist „das höchste Land in Europa und hat die höchsten Berge, die immer mit Schnee bedeckt sind“. Auf den Gipfeln der Berge ist die Luft «fade», aber in den Tälern „ist es angenehm und manchmal sogar sehr warm“.

Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich eine Zeitkapsel, denn wenn man es aufschlägt, findet man einen einfachen Nachlass Zettel des Oberkantors Cerini (1860-1923). Dieser etwas italienisch klingende Name ist eigentlich ein Pseudonym von Salomo Itzik-ha-Kohen Steifmann (sein richtiger Name ist handschriftlich im Buch angegeben), der ein sehr berühmter Kantor und Opernsänger war.

Die Geschichte erzählt, dass in einem sehr frühen Alter Cerinis stimmliches Talent entdeckt wurde, und obwohl er erhebliche Hindernisse und Schwierigkeiten erlebte, um dieses Talent zu entwickeln, konnte er es bis zu einem Punkt großer Anerkennung, entfalten. Seine Gesangsausbildung erhielt er in kleineren Synagogen und später an verschiedenen anderen Orten, wo er für jüdische Musik und weltliche Musik ausgebildet wurde.  Einmal war er Mitglied im Chor der Neuen Synagoge in Berlin unter der Leitung des Chorleiters Louis Lewandowski. Er wuchs schnell zu einem bemerkenswerten Opernsänger heran und entwickelte eine sehr erfolgreiche Karriere als Opernsänger unter dem Pseudonym Cerini. Er beendete seine Karriere als Oberkantor der Breslauer Synagoge, der er später seine Bibliothek vermachte. Sein Sohn Hermann, der ebenfalls Kantor war und den Namen Cerini annahm, wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Die Kinder von Selmar Cerini: ganz rechts ist Hermann Cerini, der in Auschwitz ermordet wurde.
  • Alle Bilder von Selmar Cerini und seiner Familie wurden von selmarcerini.com übernommen

*Update 30.9.2021 :Professor Raphi Jospe aus Jerusalem, der Urenkel von Selmar Cerini, war so freundlich, uns weitere Informationen über das Familienbild zukommen zu lassen:

1) Wenn ich mich nicht irre, ist die Frau seine Tochter und ältestes Kind, Rosa. Sie war die Mutter meines Vaters (d.h. meine Großmutter), die nach dem Tod ihres Mannes Josef (ebenfalls Kantor) nach Berlin zu Josefs Brüdern in die Helmstedterstraße 23, ein „Judenhaus“, zog. Von dort aus wurden sie alle nach Auschwitz deportiert.
2) Der Vater meines Cousins Sherwin, Arthur („Tulle“), war das jüngste Kind; er befindet sich ganz links auf dem Foto.
3) Aufgrund des Altersunterschieds war Tulle, obwohl er der Onkel meines Vaters war, nur ein paar Jahre älter als mein Vater, Rabbiner Dr. Alfred Jospe (1909 Berlin – 1994 Washington, DC). Tulles Söhne Sherwin und Jeffrey sind, obwohl sie eigentlich Cousins meines Vaters sind, etwa in meinem Alter.
4) Sherwin und Jeffrey sind also die Enkel von Selmar; meine Schwestern und ich sind die Urenkel von Selmar.