Die Kampfscheidung von Cleve

Moshe Rynecki – Ha-Get

Am 8.Elul 5526. (14. August 1766) heiratete Isaac (Izhak) – Sohn des Eliezer Neuburg aus Mannheim – Leah die Tochter von Jacob Guenzhäuser aus Bonn, nach einem scheinbar erfolgreichen Schidech (Heiratsvermittlung). Drei Jahre später schrieb Rabbi Aharon Shimon Yaakov Avraham von Kopenhagen, der an dieser Hochzeit teilnahm, das Buch ספר אור הישר „Sefer Or Hayashar“ (Das Licht des Ehrlichen), in dem die tragischen Folgen dieser Hochzeit beschrieben werden und die am Ende eine Kontroverse auslöste, die die rabbinische Welt des 18. Jahrhunderts bis ins Mark erschütterte. Sie wurde von da an als „ha-Get von Cleve“ bekannt. 

Aharon Shimon Yaakov Avraham von Kopenhagen – Sefer Or ha-Yashar, Amsterdam, 1769. Breslauer Sammlung BH 28

Bereits vor der Hochzeit zeigte der Bräutigam Anzeichen von Unzufriedenheit und Elend. Als er von der Braut und ihrer Familie danach gefragt wurde, führte er dies auf die finanzielle Notlage zurück. Am Sabbat nach der Hochzeit nahm der frisch vermählte Ehemann 94 goldene Kronen an sich und verschwand. Nach ausgiebiger Suche wurde er zwei Tage später im Haus eines Juden im Dorf Farenheim im Bett gefunden und nach Hause gebracht. Einige Tage später teilte er der Familie seiner Frau mit, dass er wegen einer grossen Gefahr, die ihn bedrohe, nun nach England auswandern müsse und nicht mehr in Deutschland bleiben könne. Er erklärte seine Bereitschaft, sich von seiner Frau scheiden zu lassen (er behauptete sie hätte den bösen Blick), um zu verhindern, dass sie zur Aguna (eine jüdische Frau, die in einer Ehe „steckt“, weil ihr Mann nicht bereit ist, sich von ihr scheiden zu lassen) werde. Nachdem man versucht hatte ihn daran zu hindern diesen Schritt zu tun, wurde sein Angebot von der Braut und ihrer Familie angenommen. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde Cleve an der deutsch- niederländischen Grenze als Scheidungsort ausgewählt. Israel Eliezer Lipschütz, der Av Bet Din von Cleve, wurde bestimmt die Scheidung durchzuführen.  Drei Jahre später beschrieb er die Geschichte in seinem Buch ספר אור ישראל „Sefer Or Israel“ (Das Licht Israels).

Eliezer Lipschütz: Sefer Or Yisrael, Cleve 1769. Breslauer Sammlung BH 27

Nach einer kurzen, aber gründlichen Untersuchung, war Lipschütz überzeugt davon dass die Scheidung  notwendig ist und erklärte sich bereit, sie durchzuführen. Die Scheidung fand am selben Tag, dem 21. von Elul, statt. Am Abend verabschiedete sich Isaac von seiner Ex- Frau, aber sie drehte ihm den Rücken zu und weigerte sich, mit ihm zu sprechen. Er wurde zitiert, zu ihr gesagt zu haben: „Sei nicht gemein zu mir. Mit Gottes Hilfe werde ich bald den Kindern, die du von einem anderen Mann gebären wirst, Geschenke machen“. Leah kehrte nach Mannheim zurück und Isaac ging nach England, was das Ende einer kurzen und tragischen Ehe bedeutete.

Dies war jedoch erst der Anfang. Als Isaacs Vater von der Scheidung erfuhr, war er wütend. Er vermutete, dass die ganze Angelegenheit von den Verwandten der Frau erfunden worden war, um das Ketuba-Geld (jüdische Ehevertrag) von seinem Sohn zu erpressen. Er wandte sich an R. Tevele Hess aus Mannheim und erklärte ihm, dass sein Sohn Isaac psychische Probleme hatte und zum Zeitpunkt der Scheidung nicht wusste, was er tat. Hess fand die Erklärung des Vaters ausreichend und auch seiner Meinung nach war der Ehemann nicht gesund (meshuga), als er die Scheidung verlangte. Um das Urteil nicht alleine zu fällen, bat Hess den Bet Din aus Frankfurt und Naphtali Hirsch Katzenellenbogen aus der Pfalz, Eliezer Katzenellenbogen aus Hagenau und Joseph Steinhardt aus Fürth und bat sie um Bestätigung seiner Entscheidung. Der Bet Din aus Frankfurt unter der Leitung von Abraham b. Ẓevi Hirsch aus Lissau stimmte nicht nur zu, sondern bat Lipschütz selbst, den Get für ungültig zu erklären und Leah als noch verheiratete Frau zu proklamieren. Die Rabbiner von Pfalz, Hagenau und Fürth bestätigten jedoch Lipschütz‘ Get, erklärten die Scheidung für gültig und die Frau durfte wieder heiraten. Beide Seiten appellierten an fast alle bekannten rabbinischen Behörden der damaligen Zeit. Der Rabbi von Cleve erhielt die Unterstützung vieler führender Gelehrter der Generation, einschliesslich Saul b. Aryeh Leib Löwenstamm aus Amsterdam, Jacob Emden, Hesekiel Landau aus Prag, Isaac Horowitz aus Hamburg, David aus Dessau, Aryeh aus Metz, Elhanan aus Danzig, Solomon b. Moses von Chelm und zehn Gelehrte von der Klaus (Bet-Midrasch) von Brody. Der Frankfurter Bet Din war in seiner Opposition praktisch allein, weigerte sich jedoch, zurückzutreten. Der bewegende Geist im Streit war der Frankfurter Dayan Nathan b. Solomon Maas, auf dessen Initiative hin die Frankfurter Rabbiner sogar öffentlich und feierlich die schriftlichen Stellungnahmen der polnischen Rabbiner aus Protest gegen ihre Intervention zugunsten von Lipschütz verbrannten.

Dieser Streit dauerte Jahre, das unmittelbare Opfer war natürlich die Braut Leah, die sich mitten in einer halachischen Debatte befand, in der es nicht nur um den Geisteszustand ihres Mannes ging, während er einen Get gab, sondern auch um widersprüchliche Aussagen von autoritativen Personen aus verschiedenen jüdischen Gemeinden, die keine Einigung erzielen konnten. Eine unbestätigte Quelle behauptet, dass das geschiedene Paar schliesslich wieder geheiratet habe und dass bei der Zeremonie aus Rücksicht vor der Meinung von Rabbi Abraham von Frankfurt kein Segen gegeben wurde. Stattdessen soll der Bräutigam gesagt haben: „Mit diesem Ring bist du immer noch mit mir verheiratet“. Diese Geschichte, die sich in zwei Büchern aus der Sammlung Breslau entfaltet, ist ein seltenes historisches Dokument, das von zwei Männern geschrieben wurde, die an der vorliegenden Angelegenheit beteiligt waren. Durch einen bestimmten Vorfall gibt der Inhalt der Bücher einen Einblick in das jüdische Leben im 18. Jahrhundert und beschreibt aus erster Hand eine der berühmtesten halachischen Kontroversen der Zeit.

Seite 32 (לב) unserer Kopie des Buches. Normalerweise fehlt diese Seite.


Das Buch „Sefer Or Israel“ ist das einzige Buch, das jemals in der kleinen Stadt Cleve gedruckt wurde. Dies geschah insbesondere aufgrund der historischen Bedeutung des Ereignisses. Für den Druck mussten spezielle Ausrüstung und hebräische Buchstaben aus Amsterdam gebracht werden .
Aufgrund der Kontroverse wurden in vielen Exemplaren des Buches die beiden Seiten לא-לב , die die Frankfurter Rabbiner kritisieren, bewusst entfernt. Unser Buch enthält jedoch diese beiden Seiten.

נתן לי הבח‘ המושלם ר‘ דוד בהקצין התורני
בהר“ר יצחק איצק מנאך שבמדינת קליווא יע“א

In unserem Exemplar des Buches „Sefer Or Israel“ kann man eine Signatur des Vorbesitzers „Isaac Itzik von Cleve“ finden, wahrscheinlich der Enkel des Autors.
Auf der Rückseite findet man eine Handschrift, von der wir vermuten, dass sie dem Autor Simon von Kopenhagen selbst gehört, in der er einige der Personen lobt, die die Scheidung unterstützt haben. Erwähnt werden: Aryeh aus Metz und Saul aus Amsterdam.
Er schreibt sowohl in Raschi-Schrift als auch in Handschrift und zitiert viele Verse aus Tehilim und aus der Geschichte von Aharon ha-Kohen, als er dieser mit Öl für das Priestertum geweiht wurde, tropfte aus seinem Bart auch auf Moshe Rabenu Öl. Dadurch illustriert der Autor, wie die von ihm erwähnten Rabbiner ihr Wissen auch ihm verliehen haben.

להגיד כי ישר כשמן הטוב היורד על הזקן אהרן היורד על פי מדותיו שם משמעון
הוא הרב המחבר מו“ה שמעון אהרן קאפנהאגן יצ“ו והגאון המס“פ אור ישראל
ושניות מדברי סופרים הוא ספר אור הישר אור זרוע לצדיק ולי“ל [ולישרי לב] שמחה
המה ראשי המדברים להחזיק מגן תליו עליו כל שלטי הגבורים הגאון המפורסם
מ“ו זקיני מ“ו שאול נ“י אב“ד דק“ק אמשטרדם והגאון המפורסם מ“ו…[?] לונדון ז“ל
ובנו הגאב“ד מלונדן והגאון המפורסם מ“ו שאול ז“ל אב“ד דק“ק האג
והגאון המפורסם בעל שאגת ארי אב“ד דק“ק מץ

*Ich danke Yaakov Fuchs von der Manuskriptabteilung des NLI für seine grosse Hilfe bei der Entschlüsselung des handgeschriebenen Textes

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