Bücher in Zeiten der Pest geschrieben

Bild aus dem Buch „Zur Hygiene der Juden“, Menorah Verlag. Wien, 1926

Es ist manchmal unmöglich, biografisches Material über die Autoren der Bücher in der Breslauer Sammlung zu finden. Die Mehrheit der hebräischen Schriftsteller in früheren Generationen gab uns keinen Hinweis auf Persönliches oder über die Ursache, die sie dazu veranlasste, ein Buch zu schreiben. Im Gegensatz zu dem, wie sich heute Autoren präsentieren und ihrer grossen Anstrengung, sich einen Namen zu machen und für ihre Bücher zu werben, haben die hebräischen Autoren der Vergangenheit ihrem eigenen Selbst und ihrer Biographie wenig Bedeutung beigemessen. Die Autoren haben sich fast immer selbst verkleinert, in dem sie stattdessen die Namen ihrer Rabbiner/Lehrer geschrieben und hervorgehoben und manchmal ihre eigenen Namen weggelassen haben.
Es ist daher immer eine Freude, einer historische Hinweis in einem Buch zu finden, der etwas Licht auf das Leben und die Person einer unserer Schriftsteller wirft, insbesondere wenn er unserer gegenwärtigen Zeit entspricht.
Bei zwei Büchern aus der Sammlung, die kürzlich hier in unserer Bibliothek katalogisiert wurden, stellte sich heraus, dass sie in einer Zeit der Pest geschrieben wurden. Wir alle wissen, dass man in einer solchen Situation aus seinem gewohnten Alltag heraus fällt und so haben unsere beiden Autoren beschlossen, dies in ihren Büchern zu erwähnen.

„Sefer Chesed le-Avraham“, Sulzbach, 1685. Breslauersammlung BH 334

Das erste Buch ist „Chesed le-Avraham“ (Gnade für Abraham). 1816 brach in Hebron die Pest aus. Der Kabbalist Rabbi Avraham ben Mordechai Azulai, der bereits während des dort stattfindenden Bürgerkriegs von Fès in Marokko in das Land Israel fliehen musste, floh später erneut nach Jerusalem, dann wegen des Ausbruchs der Pest von dort nach Gaza. In Gaza schrieb er das kabbalistische Buch „Chesed le-Avraham“. Er erzählt in der Einleitung über seine Erfahrungen: „Ich, der junge Abraham […] erinnere mich noch gut an die Tage der Vergangenheit, in denen ich in meiner Heimatstadt Fès, unter den Klügsten und den Grössten war […] Dann kam der Zorn Gottes und ich befand mich im Chaos, das Er in seinem Zorn verursachte und in dem Er die Stadt meines Vaters verspottete. Aus Druck und Angst verliess ich meine Stadt und mein Haus, frei von jeglichem Besitz und schwor in das Land Israel zu fliehen […] Ich habe nicht geruht, bis ich endlich Frieden in der Stadt Hebron gefunden habe. Dort habe ich mit Gottes Hilfe mein Buch „Kiryat Arba“ geschrieben, das ein Perush (Interpretation) des Sohars war. Und dann im Jahr 5379 [1618], dem Jahr der Vergeltung, haben wir alle um unsere Toten getrauert, die von der Hand Gottes getroffen worden waren, und ich und meine Familie flohen in die heilige Stadt Jerusalem. Aber Gottes Zorn hatte sich auch dort ausgebreitet und er plagte sein Volk […] und sie würden alle durch die Tore des Todes gehen. Ich wusste nicht mehr in welche Richtung ich fliehen sollte, also habe ich ein Gelübde abgelegt, da es eine Pflicht (Mizva) ist, in einer Zeit der Not […] ein Gelübde abzulegen. Gott hörte meinen Ruf und stoppte die Pest [. ..] Deshalb habe ich mein Buch aus zwei Gründen „Chesed le-Avraham“ genannt. Der erste Grund ist die Gnade, die mir Gott gab und daraufhin die Pest stoppte. Der zweite Grund ist, jedem zu danken, der dieses Buch aus Gnade liest, die er mir gab und mit der Hoffnung, dass dieses Buch ihm Gnade zurückgeben wird….“

Einleitung des Autors

Über eine andere Pest, die Anfang des 17. Jahrhunderts in Prag ausbrach, lesen wir in dem Buch „Amude Shesh“ (sechs Säulen), das erstmals 1617 von dem damaligen Av Beth Din (Herr des Gerichts) der jüdischen Gemeinde in Prag Rabbi Shlomo Ephraim Luntschitz veröffentlicht wurde.

„Sefer Amude Shesh“ Amsterdam, 1773. Breslauer Sammlung BH 1272

Sehr selten zu dieser Zeit, schrieb er in der Einleitung dieses Buches eine lange Biographie, wie es ihn von seiner Geburtsstadt Luntschitz nach Prag führte. Er beschrieb dann, wie er von Prag in die nahe gelegene Stadt Bischitz fliehen musste, wo er das Buch schrieb: „Und in diesen Zeiten, im Monat Tishre 5367 [1606], hatte Gott seinen Zorn über alle Nationen auf sie gesandt den ‚Dever‘ [Pest], bis alle aus Angst vor dem Tod geflohen sind und Israel auch unter ihnen ist und die Mehrheit unserer Gemeinde – und ich unter ihnen – in eine kleine Stadt namens Bischitz […] geflohen sind und in der Zeit von meiner Flucht, als ich frei von der Last meiner täglichen Pflichten war, schrieb ich jeden Tag meine Draschot [Predigten] auf ein Stück Papier.“.

Einleitung des Autors

Rabbi Luntschitz signierte sein Buch mit einer kleinen apologetischen Erklärung, die Gott von allen Fehlern befreit, und schrieb alles Schlechte den Sünden von ihm und seiner Gemeinde zu: „Dieses Buch hier soll zeigen, dass alles was uns bisher passiert ist, aus unseren eigenen Händen kam und nicht von Gott…“.

Inschrift des Autors

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