Die Vorbesitzerin eines Buches ist für den Buchliebhaber immer von grossem Interesse. Manchmal macht die Vorbesitzerin das Buch viel interessanter und bedeutender, als es eigentlich ist, manchmal sogar noch seltener und wertvoller. Es ist ein Gefühl von Prestige, ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft, das Buch zu besitzen, das einst einer bedeutenden Persönlichkeit gehörte. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Buch der einzige Hinweis auf seinen Vorbesitzer ist, der ohne das Buch völlig unbekannt bleiben würde. In solchen Fällen ist es die Aufgabe, vielleicht sogar die Pflicht der wahren Buchliebhaberin, mehr über den Vorbesitzer des Buches herauszufinden. In unserer Bibliothek, finden sich viele Spuren solcher Vorbesitzer. Ob handschriftliche Notizen, Eselsohren, Kaffeeflecken oder Barthaare – all dies sind Hinweise und Spuren des Vorbesitzers eines Buches.

לה‘ הארץ ומלואה וזה אשר חנן לי להשאיל לאחרים. הצעיר יקותיאל זלמן פוזנן.
Das Exlibris, eine kleinformatige Grafik, die meist auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels angebracht wird, ist das bekannteste Besitzzeichen in der Welt der Bücher. Als Objekt, das oft auf künstlerisch anspruchsvolle Weise Schrift und Bild verbindet, trägt es den Namen des Bucheigentümers. Für die Juden der Antike galt es noch als Sünde, Gegenstände zu bewundern und zu besitzen. Dennoch finden wir in vielen alten Büchern unseres Bestandes am Anfang des Buches die apologetische Worte לאלוהים הארץ ומלואה… „Gott ist der einzige Eigentümer der Erde und ihres Inhalts…“, gefolgt vom Namen des Buchbesitzers. Ab dem 19. Jahrhundert wurden Besitzstempel und Exlibris in der bekannten Form auch bei Jüdinnen und Juden üblich.

In der ICZ-Bibliothek haben wir im Laufe der Jahre viele Exlibris in den Büchern unseres Bestandes entdeckt. Die Schicksale, die sich hinter diesen Exlibris verbergen, sind nicht immer grossartig, aber in einigen Fällen verbergen sich dahinter unglaubliche Geschichten. Einige dieser Geschichten erzählt das neue Buch Jüdische Exlibris in der Schweiz, das Mitte Dezember 2024 erscheint.

Geschichten vom Sohn eines Schweizer Pfarrers, der zum Judentum konvertiert, vom Schweizer Verleger, der zwischen seiner jüdischen und seiner Schweizer Identität hin- und hergerissen ist, vom Attentäter auf den Schweizer Landesgruppenleiter der Nazis in Davos. Geschichten von Holocaust-Opfern, von Flüchtlingen, die in der Schweiz Zuflucht fanden, vom letzten Rabbiner einer untergegangenen jüdischen Gemeinde, von einer einzigartigen jüdischen Bibliothek ohne Standort und vieles mehr. Aus all diesen Geschichten entstand 2023 die Ausstellung Jüdische Exlibris in der Schweiz, zu der wir dieses Jahr dieses einzigartige Buch mit dem gleichen Titel herausgeben.

Mit Hilfe der besonderen Kunst des Exlibris, die das Wesen, die Leidenschaften und die Geschichte der Besitzer einzufangen versucht und eine besondere Verbindung zwischen Künstler und Sammler, Sammler und Buch, Vergangenheit und Gegenwart zum Ausdruck bringt, haben wir versucht, das Verlorene wiederherzustellen.

Das Buch, das sowohl für die jüdische als auch für die Schweizer Geschichte von grossem Interesse ist, wird in zwei Ausgaben erscheinen: einer Standardausgabe und einer auf 100 Exemplare limitierten Vorzugsausgabe. Diese werden anlässlich der Buchvernissage am 15. Dezember 2024 um 15.00 Uhr im ICZ-Gemeindehaus in Zürich (Lavatestrasse 33) vorgestellt. Es sprechen zum Thema Martin Dreyfus und Oded Fluss. Zudem wird eine Pop-up-Ausstellung mit zahlreichen Exlibris aus dem Buch gezeigt werden.
Eine Anmeldung unter bibliothek@icz.org oder unter 0442832250 ist erforderlich.

Oded Fluss. 2.12.2024.






































