Von Willy Arnold zu Jochanan Arnon – die Geschichte eines Schweizer Konvertiten

Osias Hofstatter (1905-1994) – Ex-Libris von Jochanan Arnon (1941-2017)

Die meisten Ex-Libris in unserer Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz stammen von Juden oder Jüdinnen, die jüdisch geboren wurden. Das Ex-Libris, das wir heute vorstellen wollen, ist eine Ausnahme, denn es ist das Ex-Libris eines Konvertiten.
Jochanan Arnon (1941-2017) war ein sehr bekannter Bibliothekar und Literaturwissenschaftler in Israel. Er war Leiter der Echad ha-Am Bibliothek in Tel Aviv und schrieb einige der wichtigsten Bücher über den Dichter Uri Zvi Grinberg und Nobelpreisträger Shai Agnon.
Weniger bekannt ist, dass Jochanan Arnon ein Pfarrerssohn war, der in Schwyz als protestantischer Christ mit dem Namen Willy Arnold geboren wurde. Seine Familie glaubt, von Karl dem Grossen abzustammen.
In einem Interview mit der israelischen Zeitung Maariv (30.11.1969) erzählte Arnon:

Ich wurde evangelisch in der katholischen Umgebung der Stadt Schwyz geboren. Die Einstellung uns gegenüber war die einer Minderheit. Ich wurde ständig von den katholischen Kindern wegen meiner Religion geschlagen und schikaniert. Als ich 12 Jahre alt war, zog ich nach Basel und plötzlich war ich auf der Seite der Mehrheit. Dann lernte ich eine andere Minderheit kennen — die Juden, und ich hatte das Verlangen mich mit ihnen zu identifizieren.
Jochanan Arnon (1941-2017)

Gemeinde- und Bibliothekskommissionsmitglied Esra Wyler, der in Basel aufgewachsen und zusammen mit Willy Arnold in die Realschule gegangen ist, konnte uns ein bisschen mehr erzählen:

Willy Arnold war ein grosser und kräftiger Junge. Er begleitete mich und meinen Bruder öfters von der Schule nachhause, um uns vor einem anderen Klassenkameraden zu schützen, der es auf uns jüdische Jungens abgesehen hatte. Er scheute auch nicht davor zurück, gegebenenfalls seine Fäuste sprechen zu lassen.

Der junge Willy Arnold lernte mehr und mehr über das Judentum und war davon fasziniert. Einen grossen Einfluss auf ihn hatte der damalige Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Basel Leo Adler (1915-1978), der ihn ermutigte und ihm half, das Judentum tiefer kennenzulernen. Der Entschluss, zu konvertieren, war bereits gefasst, aber er war noch zu jung, um dies legal zu tun. Als Bücherliebhaber hatte er in Basel bereits eine Ausbildung zum Bibliothekar und Buchhändler begonnen und zog kurzzeitig nach Freiburg, um sein Französischstudium fortzusetzen.

Rabbiner Leo Adler (1915-1978)

Dort habe ich aus erster Hand erfahren, wie eine sterbende jüdische Gemeinde aussieht. Ich war in der Synagoge dort und sie konnten kaum einen Minjan abhalten. Während des Gebets lasen sie die Zeitung und besprachen ihre täglichen Geschäfte miteinander. Rabbiner Margulies [Isaak Margulies (1924-2014)], ein junger religiöser Mann, der gerade sein Studium an der Pariser Ecole Rabbinique beendet hatte, war sehr froh über meine Ankunft. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und ich habe viel von ihm gelernt. Als ich zurück nach Basel kam, erzählte ich Rabbiner Adler von meinem Wunsch zu konvertieren und er konvertierte mich zum Judentum. Ich hätte in Basel leicht einen Job als Buchhändler bekommen können, aber ich beschloss, dass ich als Jude nach Israel gehen und dort leben sollte.
Eine kleine Anzeige aus dem Jahr 1962 im Israelitischen Wochenblatt über Willy Arnolds Beitritt zum Bne Akiwa Komitee.

Willy Arnold zog zunächst in einen Kibbuz, wo er seine zukünftige Frau Yael kennenlernte, die Tochter von Rabbiner Maatok Dabi, einem der bekanntesten Rabbiner in Ägypten. In seiner Zeit in Israel änderte er auch seinen Namen in einen, der besser zu seiner neuen jüdischen und hebräischen Umgebung passte, und aus Willy Arnold wurde Jochanan Arnon. Vom Kibbuz zog das Paar nach Tel Aviv, wo Arnon zunächst als Buchhändler arbeitete und dann einer der bekanntesten Bibliothekare Israels wurde.

Osias (Yishayahu) Hofstatter (1905-1994)

Arnon war ein bekannter Bibliophiler und Büchersammler. Er hatte auch eine riesige Sammlung jüdischer Ex-Libris und schrieb über dieses Thema. Sein eigenes Ex-Libris wurde von dem Künstler Osias Hofstatter (1905-1994) angefertigt. Hofstatter (eigentlich Hofstätter) wurde in Galizien geboren, in Frankfurt und Wien aufgezogen, flüchtete vor den Nazis nach Belgien, wurde von dort als ‚deutscher Spion‘ nach Frankreich ausgewiesen, gefasst und ins Lager Gurs gebracht. Dort zeichnete er auf Packpapier am Boden, floh nach dem Zusammenbruch Frankreichs vor den Deutschen und gelangte irgendwie über die Schweizer Grenze in ein Internierungslager. Dank eines amerikanischen Komitees, dem er seine Arbeiten einschickte, wurde ihm die Weiterführung seines Studiums in Zürich erlaubt. 1947 veranstaltete er seine erste Kunstausstellung in Basel und 1957 liess er sich in Israel nieder. Seine Kunst ist expressionistisch, aber er ist vor allem als ‚Holocaust-Künstler‘ bekannt.

Die Herkunftsfamilie Arnons (Arnold) hatte ein Familienwappen, das vom Künstler Hofstatter miteinbezogen wurde. Über die Bedeutung seines einzigartigen Ex-Libris erzählte Jochanan Arnon:

Er [Hofstatter] „spielte“, wie er sich ausdrückte, mit unserem Familienwappen, bis sich der Löwe mit dem Äskulap-Stab in einen Hund mit Gabel verwandelte, fügte einen siebenarmigen Leuchter sowie Bücher und Leserköpfe hinzu; und so bin ich heute stolzer Besitzer eines Hofstatter-Exlibris, das nicht nur hochmodern, sondern zugleich mittelalterlich wirkt.

Oded Fluss. Zürich, 24.11.2022

Der Teddybär aus Bergen-Belsen

Dan Rubinstein: Ex-Libris von Michael J. Flörsheim (Sammlung David Jeselsohn).

Eines der einzigartigsten Ex-Libris in unserer aktuellen Ausstellung wurde von dem Künstler und unserem lieben Gemeindemitglied Dan Rubinstein angefertigt. Es ist sowohl in seiner Erscheinung als auch in der Geschichte, die sich dahinter verbirgt, aussergewöhnlich.

Anzeigen aus dem Israelit, dem Israelischen Familienblatt und der Jüdischen Rundschau, in denen die Geburt von Michael J. Flörsheim angekündigt wird. 19.5.1938


Michael Jules Flörsheim (1938-1992), dem dieses Ex-Libris angefertigt wurde, wurde in Amsterdam geboren und war ein internationaler Rohstoffhändler, Investor, Philanthrop und ein Sammler von Judaica und japanischer Kunst. In seinem Exlibris finden sich Hinweise auf all diese Interessen; die Chanukkia und das Buch mit dem Bild der Schabbat-Lampe stehen für seine Judaica-Sammlung; das Buch auf der rechten Seite mit der japanischen Figur und der japanischen Flagge steht für seine Liebe zur japanischen Kunst; die niederländische, israelische und schweizerische Flagge stehen für seine Wohnorte im Laufe der Jahre und das Schiff für seine vielen Geschäftsreisen.

Eine der Vitrinen in unserer Ausstellung. In der Mitte steht das Ex-Libris von Michael J. Flörsheim,

Der Elefant (oder in diesem Fall der Bär) im Raum ist der grosse Teddybär, der fast den gesamten Raum des Ex-Libris einnimmt und auch unten, wo Flörsheims Name steht, in klein erscheint. Dieser freundliche Teddybär mit einem etwas ernsten Gesichtsausdruck weist uns auf die bewegende Geschichte eines Holocaust-Überlebenden hin.
Michael J. Flörsheim wurde als Sohn von Carl Alexander Flörsheim und Ilse (Möller) in einer prominenten Bankiersfamilie geboren. Zwei Jahre nach seiner Geburt marschierte die deutsche Armee in Holland ein. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und hinterliess ihn als Einzelkind seiner verwitweten Mutter. Nach ihrer Internierung im holländischen Konzentrationslager Westerbork wurden beide 1943 nach Bergen-Belsen deportiert.
Seine Frau Dr. Yonat Flörsheim erzählte uns von ihrem Mann:

Michael wurde ein grosser Teil seiner Kindheit und Jugend genommen, und sein ganzes Leben lang war er damit beschäftigt, diesen Verlust wiedergutzumachen. Während unserer Flitterwochen gestand er mir etwas verschämt seine Liebe zu Teddybären: Sein einziges Spielzeug während der langen Jahre in Bergen-Belsen war ein kleiner Teddybär, der sich schliesslich aufgelöst hatte. „Der Teddybär hat mich gerettet“, hat er oft gesagt. In einem unserer Skiurlaube in den Schweizer Bergen entdeckte er einen identischen Bären, und von diesem Moment an begleitete ihn dieser kleine „Kerl“, den er „Arosali“ nannte, überall hin. Oft, wenn er sich über etwas freute oder ärgerte, sprach er mit seinem Teddybär: „Schau Arosali, was sie uns antun…“, oder „Arosali, sag Mama, dass sie nicht böse sein soll.“

Wenn man den Schatten, der den Bären im Ex-Libris umgibt, genau betrachtet, kann man sehen, dass er Stacheldraht ähnelt. Das soll vielleicht die Zeit andeuten, die der kleine Michael zusammen mit seinem einzigen Freund, dem Teddybär, im Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht hat. „Er wollte mit dem Teddybär begraben werden, aber die ‚Chewra Kadischa‘ hat es nicht erlaubt“, erzählte uns seine Frau.
Das zeigt einmal mehr, wie ein Ex-Libris, wenn es richtig gemacht wird, die ganze Geschichte der Person, der es gehörte, einschliessen und später mit den Menschen teilen kann, die es wiederentdecken.

Arosali

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2022

Der Mann, der die Vernichtung seiner Gemeinde dokumentiert hat.

Uriel Birnbaum – Ex-Libris Abraham Toncman.

Vor achtzig Jahren, am 31. Dezember 1942, schrieb Abraham Toncman, ein Religionslehrer, Chazan und Sekretär der kleinen jüdischen Gemeinde in Pekela in den Niederlanden, den letzten Eintrag in das Protokollbuch seiner Gemeinde. Einen Monat zuvor waren fast alle 125 Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde in die Vernichtungslager von Auschwitz und Sobibor deportiert worden. Toncman und seine Familie gehörten zu den letzten 14 Mitgliedern der Gemeinde Oude-Pekela, die bis zur endgültigen Deportation am 9. Februar 1943 blieben.

Abraham Toncman (1904 – 1943)


Das Protokollbuch wurde in den Ruinen der Synagoge der Gemeinde gefunden. Toncman fuhr fort, darin zu schreiben und Aufzeichnungen zu machen, selbst als klar war, dass es keine Hoffnung mehr gab. Neben technischen Notizen über den Gemeindehaushalt und die immer geringer werdende Zahl der Gemeindemitglieder klagte er: „Wie lange wird diese Handvoll in Frieden gelassen werden?“

Letzte Notiz des Protokollbuchs der jüdischen Gemeinde Oude-Pekela. 31.12.1942.


In seinem letzten Eintrag, der eines der wichtigsten historischen Dokumente über den Holocaust und die Vernichtung der Juden in Holland darstellt, schrieb er sowohl auf Niederländisch als auch auf Hebräisch: „und jetzt sind wir nur noch wenige von vielen: wir werden wie Schafe zur Schlachtbank geführt; um getötet zu werden und in Elend und Schande zu verenden. möge den Juden Erleuchtung und Befreiung widerfahren! Schnell in unseren Tagen, Amen!
Toncman starb am 30. April 1943 im Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Seine Frau Esther, seine Schwägerin Branca und seine Kinder waren bereits am 12. Februar desselben Jahres, unmittelbar nach ihrer Ankunft, ermordet worden.

Abraham Horodisch – Die Exlibris des Uriel Birnbaum. Der Safaho-Stiftung Verlag. Zürich, 1957.


Das Ex-Libris von Toncman, das Sie in unserer aktuellen Bibliotheksausstellung finden, wurde von dem renommierten Künstler Uriel Birnbaum (1894 – 1956) geschaffen. Es zeigt die Verwendung des Namens Abraham im biblischen Sinne sowie eine Darstellung von Toncman als Religionslehrer. Dem Bibliophilen Abraham Horodisch gelang es, Birnbaums eigene Erklärungen zu seiner Ex-Libris-Arbeit in einem Buch festzuhalten, das kurz nach Birnbaums Tod veröffentlicht wurde. Über das Toncman Ex-Libris, das er auf den November 1934 datiert, sagte er:

Weitere Informationen über unsere Ausstellung jüdischer Ex-Libris in der Schweiz finden Sie hier: https://breslauersammlung.com/exlibris/

Oded Fluss. Zürich, 15.9.2022.

Aus Knechtschaft zur Freiheit: Exlibris von David Frankfurter und Emil Ludwig

»Durchs Radio die Nachricht gehört, dass der nationalsozialistische Gauleiter, Agent und Spion in Davos von einem jugoslavischen Agenten erschossen worden. Warum hat man ihn so lange geduldet?«
Thomas Manns Tagebuch. Davos. 4. Februar, 1936.

Eines der Hauptexponate in unserer Ausstellung über jüdische Exlibris in der Schweiz ist das Exlibris von David Frankfurter (1909 – 1982). Es wurde uns grosszügigerweise von Moshe Frankfurter, dem Sohn von David Frankfurter, der in Jerusalem lebt, zur Verfügung gestellt.

In einer der umstrittensten Taten der Schweizer Geschichte war Frankfurter 1936 für das Attentat auf Wilhelm Gustloff, ein deutscher Nazi, notorischer Antisemit und Landesgruppenleiter der Auslandorganisation (AO) der NSDAP in der Schweiz, in Davos verantwortlich.
Frankfurter, der sich nach der Tat der Polizei stellte, erklärte seine Aktion sowohl als Racheakt für das jüdische Volk, das unter der mörderischen Hand des Dritten Reiches gelitten hatte, als auch als Präventivmassnahme, um die Ausbreitung der Nazi-Ideologie in der Schweiz zu verhindern:

»Ich habe die Schweiz sehr liebgewonnen. Sie war mir zu schade, daß solche Hunde das Gute hier verderben!«.

Die öffentliche Meinung in der Schweiz war während des Prozesses sehr gespalten. Es gab viele, die Verständnis für seine Tat zeigten, und viele, die sich darüber empörten. Der Prozess, der auch sehr politisch war, wurde vom deutschen Regime stark beeinflusst, welches Frankfurters Tat für seine Propaganda nutzte.

Das Exlibris wurde von einem Zellengenossen für ihn angefertigt während der Zeit, die er nach dem Attentat im Gefängnis in Chur verbrachte. Es ist ein Holzschnitt und besteht aus drei Hauptmotiven: eine Sonne, ein Davidstern und eine Kette. Die Sonne scheint stark auf den Davidstern unter ihr und zersprengt die Kette, die den Davidstern gefangen hielt. Dies soll die Situation von David Frankfurter darstellen, der für seine Tat zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Das Ex-Libris enthält auch die hebräische Schrift: „מעבדות לחרות“ „me-Avduth le-Cherut“, was „Aus der Knechtschaft zur Freiheit“ bedeutet und den Wunsch des jüdischen Volkes symbolisiert. Ironischerweise wurde der Künstler und Zellengenosse Walter Hausmann später ein Nazi (manche sagen, er wurde dazu gezwungen) und produzierte auch Arbeiten für die Nazi-Propaganda.

Das Ex-Libris von Emil Ludwig und eine Widmung des Autors Julius Bab an ihn.

Neben dem Exlibris von Frankfurter liegt in unserer Vitrine ein seltsames Exlibris, das den Namen Ludwig trägt. Es zeigt eine Nachbildung einer von Rembrandts berühmtesten Darstellungen seines Sohnes Titus, der ein Buch liest. Dank der Widmung neben dem Bild wissen wir, dass es sich um das Exlibris des berühmten Autors und Biografen Emil Ludwig (1881-1948) handelt. Ludwig, der ein grosser Bewunderer von Rembrandt war und auch zwei Bücher über ihn geschrieben hat, war David Frankfurters grösster Verteidiger während seines Prozesses. Noch im Jahr der Ermordung nahm Ludwig es auf sich, den Fall Frankfurter zu untersuchen. Er sammelte alle Informationen, die er bekommen konnte, befragte Frankfurters Familie und Bekannte und veröffentlichte sein berühmtes Buch „Der Mord in Davos“.

Emil Ludwig – Der Mord in Davos. Querido Verlag, Amsterdam, 1936.

„»Wie konnten Sie das tun! Sie haben ja so gute Augen!« David aber sah ihr ins Gesicht und erwiderte: »Ich bin ein Jude, Das sollte genügen«.“

Das Buch ist ein Plädoyer für Frankfurter, indem es sowohl seine Lebensgeschichte als Rabbinersohn verfolgt als auch den Prozess der Nazifizierung Europas detailliert beschreibt. Es vergleicht das Attentat mit anderen politischen Morden, die aus einem Gefühl von Gerechtigkeit und Ehre heraus begangen wurden, und kritisiert die Schweizer Justiz, die von der Angst vor dem deutschen Regime beeinflusst wurde.

Wolfgang Diewerge – „Der Fall Gustloff“ (1936) und „Ein Jude hat geschossen“ (1937) Franz Eher Nachf. Verlag, München.

Das Buch wurde 1936 vom berühmten Exilverlag Querido in Amsterdam veröffentlicht und in der Schweiz als Greuelpropaganda verboten, während zwei andere Bücher des Antisemiten, Nationalisten und Propagandisten Wolfgang Diewerge, die offen gegen Frankfurter hetzten und seine Auslieferung an Deutschland forderten, in der Schweiz zugelassen wurden.

David Frankfurter und Emil Ludwig, 1945.
Bild im Besitz von Moshe Frankfurter

„Ein gesunder junger Mann, nicht gross, gedrungen, mit ebenmässigen, gebräunten Zügen, mit offenem Blick und schmalen Munde trat durch das Gartentor und lächelte verlegen, als er dem alten Herrn Zum ersten Male die Hand schüttelte, der ihn damals vor der Welt verteidigt hatte.“

Die zweite Auflage des Buches mit dem treffenden Titel „David und Goliath“ erschien 1945 im Carl Posen Verlag in Zürich und enthält einen Epilog, der das erste Treffen zwischen David Frankfurter und Emil Ludwig beschreibt, nach dem ersterer aus dem Gefängnis entlassen worden war (er war zu 18 Jahren verurteilt worden, wurde aber bereits nach neun Jahren freigelassen):

Emil Ludwig – David und Goliath. Carl Posen Verlag. Zürich, 1945.

Oded Fluss. Zürich, 1.9.2022.

Die wandernde Bibliothek

Diejenigen von Ihnen, die uns auf Instagram folgen, wissen, dass wir seit ein paar Monaten jeden Sonntag ein Exlibris veröffentlichen, dass einem jüdischen Buchsammler gehörte oder von einer/m jüdischen Künstler*in angefertigt wurde.
Das folgende Buch aus der Breslauer Sammlung erlaubt uns, unseren #exlibrissonntag mit unserem Blog zu verbinden. Das Buch „Herkunft und Gesinnung“ von Manfred Sturmann ist eine Sammlung jüdischer Gedichte, die 1935 in Berlin im Erich Reiss Verlag erschienen ist.
Obwohl der Band an sich sehr interessant ist, möchten wir uns eigentlich auf die erste Seite dieses Buches konzentrieren, die das wunderbare, expressionistisch anmutende Exlibris der „Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden“ trägt.

Manfred Sturmann – Herkunft und Gesinnung. Berlin, 1935. Breslauersammlung BD 3221

Das Projekt, das offiziell 1934 begann und vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ins Leben gerufen wurde, sollte die kulturelle Leere füllen, der viele jüdische Gemeinden, insbesondere die kleinen, ausgesetzt waren. Kulturelle Veranstaltungen und Zusammenkünfte waren den Juden in ganz Deutschland bereits untersagt. Bücher von jüdischen Autor*innen oder mit jüdischem Bezug wurden aus Geschäften und Bibliotheken entfernt und waren nur noch sehr schwer zu bekommen. Daher wurde versucht, die isolierten jüdischen Gemeinden irgendwie miteinander und mit ihrer Kultur in Verbindung zu halten. Einer der Wege, auf dem dieser Versuch unternommen wurde, war durch das jüdische Buch.

Hermann Schildberger, ein jüdischer Komponist und Dirigent, der einer der Anführer dieser Initiative war, schreibt 1934 „Diese notwendige und wichtige Ergänzung kann in umfassender Weise, durch das Buch geschehen. Es gilt daher, das jüdische Buch – jüdisch hier in einem ganz weiten Sinne gemeint – an den Einzelnen heranzubringen, insbesondere dort, wo bisher keine oder nur geringe Möglichkeiten bestanden, geeignete Bücher sich zugänglich zu machen“. 

Hermann Schildberger (1899-1974)

Zu diesem Zweck wurde eine ganz besondere Bibliothek gegründet. Die Bibliothek enthielt ursprünglich etwa 800 Bücher (unser Buch trägt die Nummer 425). Jedes dieser Bücher wurde von einer Gruppe professioneller Leute – unter ihnen Leo Hirsch, Hilde Marx, Kurt Pinthus und Kurt Walter Goldschmidt – sorgfältig überlegt und ausgewählt. Das Ziel war es, eine kleine Sammlung von Büchern zu schaffen, von denen die Bücher werden „aus allen wichtigen Gebieten jüdischen Wissens und jüdischer Bildung, abgestuft nach der Bedeutung und dem Interesse, das sie für den Leser haben, gewählt”. Die Leser würden also eine wichtige Rolle bei der Erweiterung der Bibliothek spielen, indem sie Bücher nach ihrem Interesse und Geschmack auswählen und bewerten würden.

Das Einzigartige an dieser Bibliothek ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Bibliotheken keinen festen Standort hatte. Das Exlibris, dessen Künstler unbekannt ist und dessen einziger Hinweis auf seine Identität die Initialen SLD sind, stellt dies auf wunderbare Weise dar, denn es zeigt ein Buch, das aus einem Davidstern gezogen wird.
Die Bücher, meist Spenden, wurden nach Berlin gebracht, dort in Kisten verpackt und an Vertrauensleute in ganz Deutschland verschickt. Diese hatten jeweils eine Kiste mit etwa 20 Büchern verschiedener Genres und Themen in der Hand. Sie waren dafür verantwortlich, die Bücher unter den Menschen in ihrem jeweiligen Gebiet zu verteilen. Die Leser hatten die Verantwortung, die Bücher nach einer bestimmten Zeit an den Vertrauensmann zurückzugeben. Die Buchkisten wurden regelmäßig unter den Vertrauensleuten getauscht. In ihrer Blütezeit umfasste die Bibliothek etwa 3000 Bücher. Ein sehr interessanter Katalog, der diese Bücher nicht nur auflistet, sondern auch eine kurze Beschreibung und eine Begründung dafür liefert, warum sie zu diesem sehr begrenzten und sorgfältig ausgewählten Bestand gehören, wurde 1937 vom Berthold Levy Verlag veröffentlicht.

Obwohl dieser Bibliotheksdienst nicht lange andauerte, zeigt er, wie wichtig den jüdischen Gemeinden Bücher auch in Zeiten grosser Not waren. Er zeigt auch, welche Anstrengungen die Menschen auf sich nahmen, um die jüdische Kultur am Leben zu erhalten.

Wie dieses Buch in die Breslauer Sammlung gelangte ist unbekannt. Es ist jedoch ein weiterer wichtiger Beweis dafür, dass ein Buch eine Geschichte erzählen kann, die sonst in Vergessenheit geraten würde.