Chanukkabaum – Theodor Herzl und der Weihnachtsbaum

Ich wurde in ein großes Empfangszimmer eingelassen und fand – man stelle sich meine Überraschung vor – einen großen Weihnachtsbaum. Kurz darauf kam Herzl in Begleitung von Oppenheim, der auch Herausgeber der Neuen Freien Presse war. Die Unterhaltung – in Gegenwart des Christbaums – war schleppend, und ich empfahl mich bald.
(Oberrabbiner Moritz Güdemann. 24 Dezember 1895).

In unserem Blog wurde schon viel über Theodor Herzl und seine besondere Beziehung zu Chanukka geschrieben. In den bisherigen Beiträgen haben wir uns vor allem auf zwei von Herzls Schriften konzentriert: eine Erzählung mit dem Titel „Die Menorah“, die er geschrieben hat und die am 31. Dezember in der Welt unter dem Namen Benjamin Seff veröffentlicht wurde. Und ein Gedicht, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde und schlicht „Menorah“ heisst.
https://breslauersammlung.com/2022/12/15/herzl-und-chanukka/
https://breslauersammlung.com/2022/12/19/das-volk-allein-dem-es-geschah-das-feiert-lieber-chanukah/

Theodor Herzl – Menorah

In den Beiträgen sprachen wir über Herzls Faszination für die Form der Chanukka-Menorah (Leuchter) und die Ähnlichkeit, die er zwischen ihr und einem Baum fand. Wir sprachen über die Bedeutung eines Baumes, der Wurzeln hat, und über die Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln durch den Zionismus, über den starken Stamm des Baumes als Analogie für die Stärke und Widerstandskraft des Judentums. Und über das Wachsen und Blühen des Baumes und seine Entsprechung im Wachsen und Blühen des jüdischen Volkes.

Schlemiel – Jüdische Blätter für Humor und Kunst. 10.12.1919.

Jetzt, da wir in die Weihnachtszeit eintreten und von Freunden und Kollegen umgeben sind, die dieses wunderbare Fest feiern, sollten wir noch etwas erwähnen. Herzl war ein assimilierter Jude, der von vielen Christen/innen umgeben und mit ihnen befreundet war. Weihnachten war auch für ihn ein sehr wichtiges Fest, das er selbst mit seiner Familie feierte. In einem kleinen Tagebucheintrag vom Heiligabend, dem 24. Dezember 1895, verrät er uns ein Detail, das uns einen weiteren Einblick in seine Gedanken zu Chanukka und zum Weihnachtsbaum gibt:

Eben zündete ich meinen Kindern den Weihnachtsbaum an, als Güdemann kam. Er schien durch den „christlichen“ Brauch verstimmt. Na, drücken lasse ich mich nicht! Aber meinetwegen soll’s der Chanukabaum heissen — oder die Sonnenwende des Winters?
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Herzl mit seinen Kindern

Es gibt viel über Herzl in diesem kleinen Eintrag zu erfahren. Zunächst einmal, dass er Weihnachten mit seinen Kindern feierte und sogar einen Weihnachtsbaum in seinem Haus hatte. Dass er sich der damit verbundenen Schwierigkeiten bewusst war, aber nicht darauf verzichten wollte (Siehe oben die Verachtung, mit der sein Gast, Oberrabbiner Moritz Güdemann, über diesen Besuch in seinen Notizen schrieb). Und dass ihm schon damals die Verbindung zwischen dem christlichen Lichterfest und dem jüdischen sehr wichtig war und dass er die Verbindung zwischen beiden in ihren dafür bekannten Symbolen fand: der Chanukka-Menorah und dem Weihnachtsbaum, zwischen denen er eine grosse Ähnlichkeit sah und die er sogar zu einem Begriff verband: dem „Chanukkabaum“.

Aus Schlemiel – Jüdische Blätter für Humor und Kunst.

Die ICZ-Bibliothek wünscht frohe Festtage!

Oded Fluss. 21.12.2023

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Ein Kommentar zu „Chanukkabaum – Theodor Herzl und der Weihnachtsbaum

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