Ein zweisprachiges Geschenk

Viele der Bücher in unserer Bibliothek sind Geschenke von Spender/innen und Leser/innen. Diese kommen normalerweise persönlich, schicken eine E-Mail oder rufen uns an und fragen, ob wir an diesem oder jenem interessiert sind. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Buch anonym vor dem Eingang der Bibliothek abgelegt wird, in der Hoffnung, dass es von unserer Bibliothek „adoptiert“ wird. Vor ein paar Monaten wurden zwei schöne hebräische Kinderbücher auf diese Weise vor unserer Bibliothek hinterlegt. Wie immer in solchen Fällen haben wir geprüft, ob diese Bücher bereits in unserer Bibliothek vorhanden sind und in unseren Bestand passen. Stellen Sie sich unsere Überraschung vor, als wir die Bücher aufschlugen und feststellten, dass die Bücher nicht nur von der Autorin/Illustratorin Mariam Bartov signiert waren, sondern auch vollständig von ihr handschriftlich ins Deutsche übersetzt worden waren.

Mariam Bartov (1914-2012)

Mariam Bartov (1914-2012) war eine deutsch-israelische Künstlerin und Kinderbuchautorin. Im Sommer 1914 in Hamburg geboren, verlor sie in ihrer frühen Kindheit ihre Mutter und zog zu ihren Grosseltern nach Berlin. Schon als kleines Mädchen zeichnete sie hervorragend und studierte später an der Berliner Kunsthochschule. Noch bevor sie ihr Studium abschliessen konnte, wurde sie 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft von der Kunstschule verwiesen. 1935 beschloss ihre Familie, vor den Nazis nach Argentinien zu fliehen, doch sie als junge Zionistin entschied sich, nach Palästina zu reisen und sich einem Kibbuz anzuschliessen.

Ihre Kindheitsgeschichte erzählte sie kurz in einem kleinen Beitrag zusammen mit ihrem Selbstporträt in „ספר המאיירים הגדול“ [Das grosse Buch der Illustratoren]:

Ich hatte eine sehr einsame Kindheit im Haus meines Grossvaters erlebt. Meine Mutter starb, als ich vier Jahre alt war. Ich ging nicht in den Kindergarten und hatte keine Spielkameraden. Einmal kam ein Soldat zu uns nach Hause, um nach Waffen zu suchen. Das war 1920, zwei Jahre nachdem der Krieg zu Ende war und es Zivilisten nicht erlaubt war, Waffen in ihrem Haus aufzubewahren. Meine junge und anmutige Tante Trude flirtete mit dem Soldaten und „half“ ihm bei seiner Suche. Später fand ich heraus, dass das alles nur ein Ablenkungsmanöver war, denn in einem Schrank über dem Badezimmer war die Waffe meines Onkels versteckt. Der Soldat hatte mir grosse Angst eingejagt und ich zeichnete ihn so: [siehe Bild]. So begann meine Kunstkarriere.

Mit ihren geschickten Händen arbeitete sie zunächst als Spielzeug- und Puppenmacherin, während sie in der Zwischenzeit ihre ganz eigene Kunstform entwickelte. Mit Scherenschnitten, Holzschnitten und Glas wurde ihre Kunst vom deutschen Expressionismus und Bauhaus beeinflusst, wobei sie sich auf einfache Materialien und wenige Farben beschränkte.

1949 schrieb und illustrierte sie ihr erstes Buch: עליקמא הקטן Alikama ha-katan, nach einer Geschichte, die sie ihren Kindern mit Handpuppen erzählte. Dieses Buch wurde zu einem Klassiker unter den israelischen Kinderbüchern und Bartov sollte im Laufe ihres Lebens noch viele weitere Kinderbücher schreiben und illustrieren. Als einzigartige und bahnbrechende Künstlerin erhielt sie 1986 vom israelischen Nationalmuseum eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk, der ihr vom damaligen israelischen Präsidenten Chaim Herzog überreicht wurde. Ihre Kunstwerke sind auch heute noch sehr begehrt.

Die beiden Bücher, die in unserer Bibliothek gelandet sind, sind צפור השמחה (Tzipor ha-simcha) übersetzt von Bartov in „Freude-Vogel“ und מעשה בצמר פלא (Ma’ase be-tzemer pele) übersetzt in „Die Wunderwolle“. Wie in den Büchern angegeben, wurden beide von Mariam Bartov selbst 1997 übersetzt und einem Mädchen (oder einer Frau) namens Anni gewidmet (dieser Name ist der einzige Hinweis, den wir auf die Identität der Spenderin der Bücher haben). Das Besondere an unseren Exemplaren der Bücher ist, dass man auf jeder Seite neben dem gedruckten hebräischen Text auch Bartovs deutsche handschriftliche Übersetzung findet.

Unsere Bibliothek, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, die Verbindung zwischen der deutschen und der hebräischen Sprache wiederherzustellen, hätte nicht glücklicher sein können, diese wunderbaren, einzigartigen Bücher zu bekommen. Wir laden unsere deutschen und hebräischen Leserinnen und Leser ein, diese Bücher von rechts nach links oder von links nach rechts zu lesen und die wunderbaren Geschichten und Zeichnungen von Mariam Bartov zu geniessen.

Oded Fluss. Zürich. 29.12.2022

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