„Die kleine Geographie“, ein Buch und eine Zeitkapsel.

„Bücher sind nicht tote Dinge, sondern enthalten eine Lebenspotenz, dazu angetan, so tätig zu sein, wie die Seele war, deren Kinder sie sind; ja, sie bewahren, wie in einer Phiole die reinste Wirksamkeit und Essenz des lebendigen Geistes, der sie erzeugte.“

John Milton
Ascher Rodin – „Die kleine Geographie“, Königsberg 1860. BH 170.

Ein Buch ist eine Zeitkapsel, es enthält Fakten, die zu der Zeit, in der es gedruckt wurde, stimmen. Es kann uns aber auch heute noch viel lehren.

Das Buch הגעאגראפיע הקטנה (die kleine Geographie), das vor uns liegt, wurde von Ascher Rodin geschrieben und 1860 in Königsberg gedruckt. Es ist ein schöner und etwas unbeholfener Versuch, die Welt zu beschreiben, geographisch, mit einem – noch – sehr begrenzten hebräischen Wortschatz. Wörter, die im modernen Hebräisch „aufgegeben“ wurden und schließlich ganz aus den europäischen Sprachen übernommen wurden, treffen hier auf höfliche Übersetzungsversuche: „Atmosphäre“, die im modernen Hebräisch einfach אטמוספירה ist, wird hier mit עיגול האויר „der Luftkreis“ übersetzt. „Republik“, das im modernen Hebräisch רפובליקה bleibt, wird hier als כנסיה, dem heutigen hebräischen Wort für Kirche, gebraucht. „Kontinent“, das im modernen Hebräisch יבשת heißt, wird hier in der schönen Übersetzung מצוק הארץ , „Kliff des Landes“ gebraucht.

Auch die historischen Fakten sind sehr interessant. Wir finden zum Beispiel „die Namen der aktuellen Könige Europas“: Alexander der Zweite, Napoleon der Dritte und Königin Victoria. Die Vereinigten Staaten, damit Sie es wissen, sind in zwei Teile geteilt: der nördliche Teil: „in dem es keine Sklaverei gibt“ und der südliche Teil, «in dem Sklaverei verbreitet ist» (das Land befand sich gerade am Rande des Bürgerkriegs).

Wir können nicht ohne die Schweiz enden, die hier als „Kirche“ mit 22 Kantonen vorgestellt wird. Sie teilt ihre Grenzen „mit Aschkenas, Italien und Frankreich“. Sie ist „das höchste Land in Europa und hat die höchsten Berge, die immer mit Schnee bedeckt sind“. Auf den Gipfeln der Berge ist die Luft «fade», aber in den Tälern „ist es angenehm und manchmal sogar sehr warm“.

Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich eine Zeitkapsel, denn wenn man es aufschlägt, findet man einen einfachen Nachlass Zettel des Oberkantors Cerini (1860-1923). Dieser etwas italienisch klingende Name ist eigentlich ein Pseudonym von Salomo Itzik-ha-Kohen Steifmann (sein richtiger Name ist handschriftlich im Buch angegeben), der ein sehr berühmter Kantor und Opernsänger war.

Die Geschichte erzählt, dass in einem sehr frühen Alter Cerinis stimmliches Talent entdeckt wurde, und obwohl er erhebliche Hindernisse und Schwierigkeiten erlebte, um dieses Talent zu entwickeln, konnte er es bis zu einem Punkt großer Anerkennung, entfalten. Seine Gesangsausbildung erhielt er in kleineren Synagogen und später an verschiedenen anderen Orten, wo er für jüdische Musik und weltliche Musik ausgebildet wurde.  Einmal war er Mitglied im Chor der Neuen Synagoge in Berlin unter der Leitung des Chorleiters Louis Lewandowski. Er wuchs schnell zu einem bemerkenswerten Opernsänger heran und entwickelte eine sehr erfolgreiche Karriere als Opernsänger unter dem Pseudonym Cerini. Er beendete seine Karriere als Oberkantor der Breslauer Synagoge, der er später seine Bibliothek vermachte. Sein Sohn Hermann, der ebenfalls Kantor war und den Namen Cerini annahm, wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

Die Kinder von Selmar Cerini: ganz rechts ist Hermann Cerini, der in Auschwitz ermordet wurde.
  • Alle Bilder von Selmar Cerini und seiner Familie wurden von selmarcerini.com übernommen

*Update 30.9.2021 :Professor Raphi Jospe aus Jerusalem, der Urenkel von Selmar Cerini, war so freundlich, uns weitere Informationen über das Familienbild zukommen zu lassen:

1) Wenn ich mich nicht irre, ist die Frau seine Tochter und ältestes Kind, Rosa. Sie war die Mutter meines Vaters (d.h. meine Großmutter), die nach dem Tod ihres Mannes Josef (ebenfalls Kantor) nach Berlin zu Josefs Brüdern in die Helmstedterstraße 23, ein „Judenhaus“, zog. Von dort aus wurden sie alle nach Auschwitz deportiert.
2) Der Vater meines Cousins Sherwin, Arthur („Tulle“), war das jüngste Kind; er befindet sich ganz links auf dem Foto.
3) Aufgrund des Altersunterschieds war Tulle, obwohl er der Onkel meines Vaters war, nur ein paar Jahre älter als mein Vater, Rabbiner Dr. Alfred Jospe (1909 Berlin – 1994 Washington, DC). Tulles Söhne Sherwin und Jeffrey sind, obwohl sie eigentlich Cousins meines Vaters sind, etwa in meinem Alter.
4) Sherwin und Jeffrey sind also die Enkel von Selmar; meine Schwestern und ich sind die Urenkel von Selmar.

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