Die Diva, die ihr Vaterland verriet – zum 120. Geburtstag von Marlene Dietrich

Ausschnitt aus „Der Stürmer“ . Oktober 1937.

Im Oktober 1937, kurz nachdem sie die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, erschien in der nationalsozialistischen Zeitung „Der Stürmer“ ein Bild von Marlene Dietrich (1901 – 1992) . Das offensichtlich manipulierte Bild zeigt Dietrich in einer sehr bekannten Pose, den Hut leicht schräg auf dem Kopf tragend. Der Text unter dem Bild will die Situation als ultimativen Verrat darstellen: “Die aus Deutschland stammende Filmschauspielerin Marlene Dietrich hat so viele Jahre bei den Kino-Juden von Hollywood verbracht, dass sie nun amerikanische Staatsbürgerin geworden ist. Der viele Umgang mit Juden hat ihr ganzes Wesen undeutsch gestaltet. Auf dem Bilde sehen wir sie bei einer Vereidigungsszene in Los Angeles. Was der jüdische “Richter” von dem gesetzlich vorgeschriebenen Eid hält, ergibt sich aus seiner Haltung: in Hemdärmeln (!)  nimmt er der Marlene Dietrich den Eid ab, auf dass sie ihr Vaterland verrate!”. „Der Stürmer“, der normalerweise nur Juden angriff und verspottete, erkannte in Marlene Dietrich die Bedrohung. Eine starke, eigensinnige Frau, die sich erlaubte, mit ihrem Sexappeal zu spielen und die sowohl in ihren Filmen als auch in ihrem Leben alle Grenzen sprengte und sich frei von allen Diktaten und Diktatoren machte. Das Schlimmste: Sie war die Epiphanie des „arischen Looks“, hatte aber das Gegenteil von „arischer Mentalität“. Als sie „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“ sang, nahmen die Nazis die Warnung ernst.

Franz Hessel – Marlene Dietrich. 1931, Kunst und Bücher Verlag, Berlin.

Dietrichs Filmkarriere war bereits mit vielen jüdischen Menschen verwoben. Bereits 1931 wurde sie von Franz Hessel zum Mythos erhoben: “…sie ist Gottsgeschenk und Teufelsmesse. Und wie Aphrodite aus dem Meerschaum steigt sie holdselig aus dem Schlamm der Begierden, die zu ihren Füßen stranden, sie lächelt lieb und leer in das Weltall, das an ihr zerbricht, unter ihr zerbröckelt. Und dazu singt sie mit Menschen- und Engelszungen und etwas berlinerisch: Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison, Ich hab ein Pianola, zuhaus in mei’m Salon„. Es folgten 1932 zwei Monographien von Alfred Rosenthal (Aros) und Manfred Georg, die Dietrich erneut zu einer Gottheit in Charakter und Schönheit erhoben. 1933 schloss Alfred Kerr einen Artikel über sie in „Das Neue Tage-Buch“ mit den Worten “Und man blieb von Schönheit erschüttert. Das ist es: von Schönheit erschüttert”. Ihre „Entdeckung“ wurde eigens Josef von Sternberg zuschreiben, der sie zum Star ihres Durchbruchfilms „Der blaue Engel“ machte und dann auch bei fast allen ihrer bekanntesten deutschen Filme Regie führte. Für die Musik des „Blauen Engels“ und das mit Dietrich bekannteste Lied „Von Kopf bis Fuß“ war der jüdische Komponist Friedrich Hollaender verantwortlich.

Hollywood, wohin Marlene Dietrich 1936 nach vielen erfolglosen Bemühungen und dem Werben des Propagandaministers Goebbels ihre Heimat verließ, war in Hitlerdeutschland bereits ein Synonym für „jüdisch“. Dort wurde sie zu einer der bekanntesten und freimütigsten Schauspielerinnen, die sich lautstark gegen Hitler und die Verbrechen der Nazis aussprach. Erst 1944 kehrte sie in Begleitung von General Pattons amerikanischer Armee als Truppenbetreuerin nach Deutschland zurück, und ihre Darstellung in „Der Stürmer“ als Verräterin wurde in den Augen der Nationalsozialisten nur noch verstärkt.

Dietrich unterhält amerikanische Truppen (ca. 1944)

Marlene Dietrich wurde zum Symbol für die Deutschen, die nicht tatenlos zusahen, auch auf die Gefahr hin, alles zu verlieren. Nach dem Krieg wurde sie mit der Freiheitsmedaille der Vereinigten Staaten, dem Chevalier de la Légion d’Honneur von Frankreich und zahlreichen anderen Auszeichnungen von Israel geehrt. In Israel war sie auch die erste Sängerin, die das deutsche Sprachtabu brach und in ihrer Muttersprache singen durfte. 

Marlene Dietrich in Ben-Shemen am 26. Juni 1960 während einer Konzertreise durch Israel

Obwohl sie in der ganzen Welt für ihren Widerstand gegen Nazi-Deutschland anerkannt, geehrt und gefeiert wurde, war dies nicht ohne Preis. Ähnlich wie Thomas Mann wurde sie immer als die „gute Deutsche“ bezeichnet, die für ihre Prinzipien kämpfte, auch wenn sie alles zu verlieren hatte, aber gleichzeitig haben die Deutschen sie nie wieder wirklich als eine der Ihren empfangen. Man könnte sagen, dass weder Marlene Dietrich noch Deutschland sich gegenseitig verziehen haben. Ihre Besuche in Deutschland waren immer umstritten und lösten Proteste aus. Bei einem ihrer letzten Besuche in Deutschland in den 1960er Jahren wurde sie in Düsseldorf von einer jungen Frau ins Gesicht gespuckt. Die vielen Kontroversen und Klatschgeschichten, die sie in ihrem späten Leben verfolgten, waren auch nicht hilfreich. Der Höhepunkt kam schließlich einige Jahre nach ihrem Tod, als die Berliner Behörden eine Straße nach ihr benennen wollten und dies aufgrund der Proteste von Bewohnern ihrer Geburtsstadt aufgeben mussten.
Und doch können wir heute, an ihrem 120. Geburtstag, sagen, dass Marlene Dietrich nicht nur einer der ersten Superstars Hollywoods war, sondern auch einer der mutigsten. In einer Zeit, die für den „Verrat der Intellektuellen“ bekannt war, führte sie einen neuen Akteur ein, der zeigte, wie die Macht des Stars die Politik beeinflussen und die öffentliche Meinung verändern konnte – oder es zumindest versuchte.

Eine Werbung in der israelischen Zeitung „haboker“ für Live-Auftritte von Marlene Dietrich im Jahr 1960

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Oded Fluss (27.12.2021)