Die Schweiz im 19. Jahrhundert durch die Augen eines Juden

Abraham Mendel Mohr – „Schwile Olam“ (die Pfade der Welt) Lemberg, 1856. Breslauer Sammlung Signatur BH 852

Der 1815 in Lemberg geborene Abraham Mendel Mohr verbrachte seine Jugend in einer Jeschiwa, lernte tagsüber Talmud und las nachts heimlich die verbotenen Bücher der Haskala (jüdische Aufklärung). Schon früh heiratete er die Tochter eines reichen Kaufmanns, wodurch er den grössten Teil seines Lebens mit Lernen und Schreiben verbringen konnte.

Mitte des 19. Jahrhunderts wandte er sich einem äusserst beliebten Genre seiner Zeit, dem Reisebuch, zu. In „Schwile Olam“ (1856) beschreibt er auf eine ganz persönlichen Weise und in schönstem Hebräisch detailliert die Landschaft, Wirtschaft, Religion und Kultur Europas.
Wir bringen Ihnen aus diesem Werk in Übersetzung einige sehr interessante und farbenfrohe Absätze, die sich mit der Schweiz des 19. Jahrhunderts befassen.

„Ein sanftes Land, dem die Natur die Schönheit vieler Farben und kostbare Dinge geschenkt hat. Dieses Land besitzt Schönheit, doppelt so viel wie jedes andere europäische Land. Eine Republik ohne Herrscher oder Rabbiner, frei wie ein Vogel hat sie keinen König … dieses Land ist das höchste aller europäischen Länder, und viele Berge bedecken es … seine Luft ist durchschnittlich und sehr gut, die Kälte des Winters stark und mutig und die Hitze des Sommers schwach und schlaff … der gute Käse, der aus der Milch seiner Kühe hergestellt wird, wird um die ganze Welt geführt und man kann keine Stadt in Europa ohne einen Schweizer Käse finden. Die besten Käsesorten sind Emmental, Simmental und Schabziger … die Menschen, die dort leben, zählen zwei Millionen und vierhunderttausend, wovon eineinhalb Millionen Protestanten sind, die der Luther-Religion folgen, der Rest sind katholischer Christen und drei tausend Söhne von Israels. Alle sind dem Geist treu, im Herzen ehrlich und fleissig. Sie sind sehr einladende Menschen, essen und trinken im richtigen Masse, sie sind Liebhaber der Freiheit und ihre Liebe zu ihrem Land ist so gross, dass sie oft sterben, wenn sie ein Land im Ausland besuchen…“

Abraham Mendel Mohr: 1815 – 1868 (National library of Israel – Schwadron collection)