Schofar blasen, um den Teufel zu verwirren

Josef Budko – Schofar

Glied für Glied haben sich in der Kette der jüdischen Generationen viele Rituale und Bräuche, Überzeugungen und Meinungen zu dem zusammengefügt, was wir heute über die Tage Rosch Haschana und Jom Kippur, die Tage dazwischen und die Tage davor wissen. Eines der wichtigsten und bekanntesten Rituale ist das Schofarblasen.
Der Schofar ist ein Blasinstrument, das in der Regel aus dem Horn eines Widders hergestellt wird. Das Verbot, ein Kuhhorn als Schofar zu verwenden, besteht nach der talmudischen Literatur darin, dass sich ein Ankläger (קטגור) nicht in einen Fürsprecher (סניגור) verwandeln darf; dies ist ein Verweis auf die Sünde des Goldenen Kalb.
Das jüdische Gesetz schreibt vor, dass der Schofar an beiden Tagen von Rosch Haschana 30 Mal geblasen werden muss, aber nach einem Brauch wird es an jedem Tag 100 oder 101 Mal geblasen. Manche schreiben dieses Ritual nur den Tagen von Rosch Haschana zu, während nach anderen Traditionen das Schofarblasen vom Beginn des Monats Elul bis zum Ende des Jamin Noraim stattfinden sollte.


Die Gründe für das Blasen des Schofars an diesen Tagen sind vielfältig. Rosch Haschana ist auch unter dem Namen Jom Teruah (Tag des Blasens) bekannt, weil im Buch Bamidbar erwähnt wird: „Am ersten Tag des siebten Monats sollt ihr eine heilige Versammlung abhalten; an diesem Tag dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten. Es soll für euch ein Tag des Lärmblasens sein.“ Manche sehen darin eine Erinnerung an die Bindung Isaaks (Akedat Yitzhak), denn der Schofar erinnert an die geplante Opferung Isaaks durch Abraham für Gott. An Isaaks Stelle wurde dann aber ein Widder geopfert, dessen Hörner Gott an das stellvertretende Sühneopfer Israels erinnern sollten.

Marc Chagall – Schofar

Wir wollen uns hier auf eine andere Begründung konzentrieren, die in der jüdischen Tradition immer wieder erwähnt wird und auch in Agnons Jamim Noraim-Buch (Siehe auch unseren früheren Beitrag über Agnons Buch hier: https://breslauersammlung.com/2022/08/29/jamim-noraim/) viele Beispiele findet, nämlich das Blasen des Schofars, um den Teufel (Satan) zu verwirren oder wörtlich: durcheinander zu bringen (לערבב את השטן).

Uriel Birnbaum – Jom Kippur

Nach einigen jüdischen Überlieferungen wird die Zeit vor und während Rosch Haschana vom Teufel genutzt, um das Volk Israel anzuprangern und gegen es auszusagen. Der Schofar wird hier als Mittel der Sabotage gegen den Teufel eingesetzt, um ihn daran zu hindern, sich einzumischen. Agnon bringt uns ein paar Quellen zu diesem Brauch, von denen viele in unserer Breslauer Sammlung zu finden sind.
Beginnen wir mit demjenigen, der lernen will, wie man das Horn bläst. Bereits in dieser Phase erwähnt Agnon eine Regel von Rabbi Elijah Spira (1660 – 1712) in seinem Buch אליה רבה Elijah Raba:

Elijahu ben Benjamin Wolf – Sefer Elijah Raba. Sulzbach, 1757. BH 1068.

Wer blasen will, um zu lernen, wie man bläst, tut dies in einer Mikwe oder einem geschlossenen Raum, um Satan nicht daran zu gewöhnen.

Was genau damit gemeint ist, dass der Teufel sich daran gewöhnt, werden wir besser verstehen, wenn wir zwei andere Quellen heranziehen, die Agnon zusammenführt, eine aus dem Sefer לבוש Lewusch von Rabbi Mordechai Jaffe (1530 – 1612) und die andere aus dem Sefer מטה משה Mate Moshe von Rabbi Moshe ben Avraham von Przemyśl (Mat) (1550 – ca. 1606):

Moshe Mat – Sefer Mate Moshe. Frankfurt, 1719. H 7110.

Nachdem man mit den Selichot fertig ist und man Schacharit betet, soll kein Horn geblasen werden wie an den anderen Tagen des Elul, dies, um eine Pause zwischen dem Brauchblasen und dem Pflichtblasen zu machen, also dem Blasen des Monats Elul, das ein Brauch ist, und dem Blasen von Rosch Haschana, das die Tora anordnet (Sefer Levusch) Und um den Satan zu verwirren, damit er nicht weiß, wann Rosch Haschana ist und uns nicht anprangert, weil er denkt, dass der Tag des Gerichts schon vorbei ist.(Mate Mosche)
Sefer Chemdat Jamim. Venedig, 1763. BH 1157.

Eine weitere Quelle, die Agnon anführt, ist das Buch חמדת ימים „Chemdat Jamim“, ein kabbalistisches Buch, dessen Autor bis heute unbekannt ist (manche schreiben es Natan ha-azati zu). Agnon liefert hier eine weitere Erklärung dafür, wie der Schofar den Teufel verwirren kann:

unsere Vorväter hatten gesagt, dass der Sinn des Schofars darin besteht, den Satan zu verwirren, der denken würde, dass der Messias gekommen ist, denn der Satan ist so unwissend, dass er dieses Schofar mit dem Schofar der Tage des Messias verwechseln würde [… ] beim ersten Blasen würde er sich nicht so sehr fürchten, denn er ist bereits daran gewöhnt, dass bei diesem Volk ein erstes Zeichen nie in Betracht gezogen wird, weil ihr Ohr verstopt ist, aber wenn er das Schofar ein zweites Mal hört, würde er sich fürchten und denken, dass der Messias sicherlich gekommen ist, denn er weiss, dass ein zweites Zeichen von uns allen gehört wurde und wir alle Teschuwa gemacht haben und der Messias gekommen und der Tod beseitigt worden ist […]

Agnon bringt eine weitere Erklärung aus dem Sefer Orchot Chaim, in der Satan nur ein Allegorie für den „Yetzer hara“ ist, also für den bösen Trieb des Menschen:

Und es gibt diejenigen, die interpretieren „Satan zu verwirren“, als das Besiegen des bösen Triebs, wie es geschrieben steht (Amos, 3): „Bläst in der Stadt jemand ins Horn, / ohne dass das Volk erschrickt“. und Satan ist der böse Trieb, er ist der Todesangel.
Arno Nadel – Un’sane Tokef

Oded Fluss. Zürich, 22.9.2022

Ein historisches Dokument des Breslauer Seminars

Die Widmung: „Mincha ist ein gesendetes Andenken an die Liebe. Zu seinen Ehren der Rabbiner Zecharia Frankel ha-Levi“ von seinen Mitbrüdern Jacob Barnays, Zvi Graetz, Moshe Leib Deutch, Sacharja Jöel, Baruch Zuckermann. Breslau, Montag 11 zum Omer, 1857″

Eine schöne Ausgabe von Maimonides‘ monumentalem Buch „Mischne Tora Ha-yad ha-chazaka“, das 1702 in Amsterdam veröffentlicht wurde, enthält ein historisches Dokument zwischen seinen Seiten.
Eine handschriftliche Widmung an Zechraja Frankel (1801-1875), den Gründer des Breslauer Seminars, der als Vater des jüdischen Konservatismus bekannt ist, von nicht weniger als fünf Lehrern des Seminars, von denen jeder selbst eine herausragende Persönlichkeit ist: der Philosoph und Talmudforscher Jacob Bernays (1824-1881), der im Seminar die klassische Philologie unterrichtete; Heinrich (Zvi) Graetz (1817-1891), weltberühmter Historiker und Autor der monumentalen „Geschichte der Juden“; Mathematiker, Talmudforscher und Bibliothekar der Breslauer Seminarbibliothek Baruch (Benedikt) Zuckermann (1818-1891); einflussreicher Rabbiner, religiöser Philosoph und Talmudforscher Manuel (Sacharja) Jöel (1826-1890). Die Widmung zeigt, dass dieses Buch Frankel für sein 25-jähriges Jubiläum als Lehrer geschenkt wurde. Es ist davon auszugehen, dass Frankel dieses Buch vor oder nach seinem Tod an die Bibliothek des Seminars geschenkt hat.

Mischne Torah ha-Yad ha-Chazaka , Amsterdam, 1702