Die Hégenheimer Synagoge: zerstört – neuerbaut – gesungen

In Basel ist sie als „Muttersynagoge“ bekannt, obwohl sie seit mindestens 100 Jahren nicht mehr als Synagoge genutzt wird. Diese Bezeichnung geht auf die Geschichte dieses uralten „Tempels” zurück. Er wurde um 1740 in Hégenheim errichtet, als die jüdische Gemeinde vor Ort aus etwa 50 Familien bestand. Einige von ihnen hatten bereits seit Ende des 14. Jahrhunderts ihre Wurzeln in der Gegend, nachdem sie aus Basel vertrieben worden waren. Bevor sie das französische Bürgerrecht erhielten und als Franzosen nach Basel zurückkehren durften, das nur eine Stunde Fussweg entfernt liegt, war diese jüdische Landgemeinde die grösste in der Region.

Die alte Synagoge in Hégenheim. 1

Von aussen war sie überhaupt nicht als Synagoge zu erkennen – und das war kein Zufall. Die Epoche ihrer Errichtung war für die jüdischen Gemeinden der Region von grosser Turbulenz geprägt. Pogrome („Judenrumpel”) waren keine Seltenheit, weshalb eine auffällige Synagoge sicherlich keine gute Idee gewesen wäre. Doch auch der Bau einer unauffälligen Synagoge bot keine Gewähr. So wurde die Synagoge bereits im Juli 1815, nach der Einnahme der Festung Hüningen, geplündert und niedergebrannt. Wie gross die Tragödie war, erfahren wir aus einem Artikel von H. Gunzlanger aus Hégenheim, der am 29. November 1906 im Israelitischen Familienblatt veröffentlicht wurde.

Viele Leute suchten ihre Habseligkeiten dadurch zu retten, dass sie sie auf dem Synagogenestrich verbargen, in der Hoffnung, dass das Gotteshaus von den Raubhorden verschont bleiben würde. Zum Entsetzen der Unglücklichen wurde aber die Synagoge angezündet und brannte mit ihrem gesamten Inhalt nieder.

Abzug der Garnison aus dem Elsässer-Tor der Festung Hüningen 1815; Gemälde von Jean Baptiste Édouard Detaille

Solche Ereignisse sind in der jüdischen Geschichte zwar weit verbreitet, wurden von den Zeitzeugen damals jedoch nicht ausreichend dokumentiert. Meist wurden sie aus Angst oder aufgrund von Zensur verschwiegen und sind heute vor allem als mündliche Überlieferungen oder in Gemeindechroniken (Pinkasim) bekannt. Ein kleines, seltenes Büchlein in unserer Bibliothek zeugt jedoch von einem solchen Ereignis. Es wurde sechs Jahre nach der Zerstörung der Synagoge verfasst und in der berühmten Druckerei von Wilhelm Haas in Basel gedruckt. Darin wird die Einweihung der „Neuerbauten jüdischen Synagoge zu Hägenheim” gewürdigt.

Phines Samuel Hirsch – Lied zur Einweihung der Synagoge in Hégenheim. Wilhelm Haas. Basel, 1821. HB 68

Die Einweihungsfeier fand am Schabbatabend des 21. Septembers 1821, also eine Woche vor Rosch Haschana, statt. Für die örtliche Gemeinde war dies ein ganz besonderes Ereignis. Abgesehen davon, dass sie in die Zeit der jüdischen Hochfeiertage fiel, galt der Wiederaufbau der Synagoge in solch schweren Zeiten fast schon als Wunder. Der Autor des kleinen Buches, Phines (Pinchas) Samuel Hirsch Katzenellenbogen (1789 – 1828), der vier Jahre später Rabbiner der Gemeinde Hégenheim werden sollte, hatte eine hebräische „Ode” – ein Dankeslied – verfasst, die während der Zeremonie gesungen werden sollte. Das Lied selbst wurde im hebräischen Original abgedruckt, gefolgt von einer „metrischen” Übersetzung ins Deutsche. Der Titel des Liedes „למנצח להזכיר מזמור שיר” stammt aus den Psalmen.

Obwohl das Lied in sehr gehobener, biblischer Sprache verfasst ist und einer Tradition ähnlicher Dankeslieder folgt, erzählt es eine aufschlussreiche und konkrete Geschichte. Das Büchlein beginnt mit einem kurzen hebräischen Satz, der den Grund für den Wiederaufbau der Synagoge nennt.

Anlässlich der Einweihung der Synagoge in Hégenheim, die nach dem Brand im Jahr 1815, durch Feinde, die gekommen waren und Feuer gelegt hatten, mit noch mehr Mut und Pracht wieder aufgebaut wurde.

Der Begriff „Feinde”, der sich wie ein roter Faden durch das Lied zieht, ist natürlich sehr allgemein und unspezifisch. Wir sind es gewohnt, Pogrome als lokale Ereignisse zu betrachten, die von Einheimischen verübt werden. Indem man die Angreifer als „Feinde” bezeichnete, vermied man eine Thematisierung ihrer Identität. Der oben zitierte Text aus dem Israelitischen Familienblatt beschreibt die Angreifer jedoch wie folgt: „Beim Einmarsch der Verbündeten nach Frankreich […] wurde Hegenheim von Raubgesindel, das den Truppen folgte, überfallen und ausgeplündert.” Auch aus einem zeitgenössischen Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 31. Oktober 1821 geht hervor, dass die Synagoge nicht von Einheimischen in Brand gesetzt wurde.

NZZ 31.10.1821. 2

Im Jahr 1815 wurde die Synagoge zu Hägenheim, eine Stunde von Basel, von der alliirten Heeresmacht abgebrannt.

Obwohl das Lied die Identität der Angreifer nicht explizit nennt, beschreibt es sehr anschaulich, wie die Synagoge zerstört wurde und wie hilflos die örtliche jüdische Gemeinde dabei zusehen musste.

Feindes Macht drang jüngst hinein, zerschmetternd die Thore,
Hüpfte darinn herum, schrie mit barbarischer Wuth;
Legte die frevle Hand an Gottgeweihte Geröthe,
Schleppte, zertretend im Zorn, sie auf die Strassen hinaus;
Doch noch nicht genug war diese Unthat den Menschen, Freudbrüllend selbst ward auch Dein Tempel verbrannt.
Ach! unser Auge sah die lodernde Flamme verzehren
Seine heiligen Raum, Thore und Mauern davon,
Und mit blutendem Schmerz sprach Händeringend ein jeder:
Hätte der Feinde Wuth ach! uns nur Schätze geraubt!
Gerne missten wir sie; doch bey des Tempels Verluste
Irren wir jetzt umher, zweifach vom Herrn gestraft.

Nachdem die Sünden, durch die dieses Unglück verursacht worden sein sollen, vor Gott bereut wurden, beschreibt das Lied die gemeinsamen Anstrengungen, die Synagoge und somit die jüdische Gemeinde wiederaufzubauen – stärker, gläubiger und moralischer als zuvor.

So vereind denn die Kräfte, Alte und Junge,
Hau’ten wir Steine uns, fällten die Bäume des Wald’s,
Zu erbau’n das Haus des Herrn mit Würde und Zierde;
Doch ohn‘ seine Gnad‘, sein unerforschliches Heil,
Das uns Kraft verlih, wär unser Bemühen vergebensm
Nie ergründet der Grund des nun vollendeten Werk’s.

Das Lied endet mit einem Dank an Gott für seine Gnade und Barmherzigkeit sowie dafür, dass die neu erbaute Synagoge der Gemeinde vor Ort so viel Freude bereitet. Es ruft Gott dazu auf, dafür zu sorgen, dass sein Volk auf dem richtigen Weg bleibt. Der letzte Satz, der nur auf Hebräisch vorgetragen wird, ist eine Widmung des Autors, Rabbiner Phines Samuel Hirsch, an seine Gemeinde. Sie hatte sich mit all ihrer Kraft für den Wiederaufbau der Synagoge eingesetzt. Damit dankt er erneut für die Gnade Gottes.

Anlässlich der Einweihung der Synagoge in Hégenheim hielt Rabbiner Phineas Samuel Hirsch auch einen Vortrag. Dieser wurde ebenso in der Wilhelm Haas Druckerei in Basel gedruckt und ist in der Zentralbibliothek Zürich zu finden. Im Gegensatz zum Lied, das bei der Einweihung von allen Gemeindemitgliedern gemeinsam auf Hebräisch gesungen wurde und sich direkt an sie richtete, wurde der Vortrag nur auf Deutsch gehalten und gedruckt und enthält eine abstrakte Botschaft. Er hatte einen allgemein moralischen Charakter und erwähnte die Brandstiftung an der Synagoge nicht.

Phines Samuel Hirsch – Vortrag gehalten zu Hägenheim am Sabbath-Abend, den 21. September 1821 bey Gelegenheit der Einweihung des jüdischen Tempels daselbst. Wilhelm Haas. Basel, 1821. ZB 1821/15

Es ist durchaus möglich, dass das literarische Genre des religiösen Dankesliedes es dem Rabbiner ermöglichte, das konkrete, historische Ereignis zu schildern und es in Form eines gemeinsamen Gesangs mit seiner Gemeinde zu teilen. Ausserdem hilft es uns, dank seiner Veröffentlichung als Buch und Anwesenheit in unserer Bibliothek, mehr über dieses kaum dokumentierte, tragische Ereignis aus der Perspektive eines Zeitzeugen zu erfahren.

Oded Fluss. Zürich, 29.9.2026.