Else Lasker-Schülers Jom Kippur

Im Jahr 1969 veröffentlichte der israelische Dichter Yehuda Amichai eine Einleitung zu seiner Übersetzung von 50 Gedichten von Else Lasker-Schüler ins Hebräische. Darin erzählt er eine kleine Erinnerung aus seiner Jugend an die alte Dichterin in ihren letzten Tagen in Jerusalem. An Jom Kippur, als er die Emet-ve-Emuna-Synagoge besuchte, ertönte aus dem Ezrat Naschim, dem Frauenbereich, ein lautes Geräusch. Als sich die Betenden verärgert umdrehten, sahen sie, wie Else Lasker-Schüler rücksichtslos eine Schokoladenverpackung öffnete und begann, davon zu naschen. Als sich einige zu ihr umdrehten, um sie davon abzuhalten, sagte sie:
Ruhe! Ihr stört mich beim Beten!
Diese Geschichte fasst gewissermassen Else Lasker-Schülers Einstellung zu Jom Kippur zusammen. Es ist der einzige jüdische Feiertag, den sie in ihren Kindheitserinnerungen beschreibt, und zu dem sie die meisten poetischen Werke verfasst hat. Lasker-Schüler hatte jedoch eine sehr eigenwillige Vorstellung von diesem Feiertag und dem Konzept der Versöhnung im Allgemeinen. Da sie in einem assimilierten jüdischen Haushalt aufgewachsen war, war Jom Kippur wohl einer der wenigen Feiertage, die gefeiert wurden.

In ihrem berühmten Gedicht „Versöhnung”, das erstmals 1910 in Der Sturm veröffentlicht wurde, fällt sofort der Konflikt – oder vielleicht eher die Harmonie – auf, wie sie Motive aus der religiösen und säkularen Welt zusammenbringt. Neben den bekannten religiösen Aspekten von Jom Kippur wie dem nächtelangen Beten in Sprachen, „die wie Harfen eingeschnitten sind“ – Lasker-Schülers Lieblingsbild für die hebräischen Buchstaben – und natürlich der Versöhnung selbst, finden sich vor allem Bilder aus dem romantischen Bereich eines verliebten Paares. Schon im ersten Vers:
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
wird deutlich, was diese Dichterin am besten kann. Sie nimmt das Transzendente, das Unerreichbare, das Allergrösste und macht es sich zu eigen. In dem Gedicht geht es vor allem um die Versöhnung mit der Nacht und mit dem Geliebten. Gott taucht zwar auf, aber nur flüchtig. Er ist nicht etwas Fremdes und Externes, sondern das Allumfassende, in dem alles geschieht:
So viel Gott strömt über.
Unsere Herzen sind kindlich und unschuldig, nicht sündig. Solange wir uns küssen, umarmen und lieben, sind wir alle versöhnt und werden ewig leben.
Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen, müdesüß.
...
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

In der letzten Veröffentlichung des Gedichts, in ihrem 1937 in Zürich erschienenen Buch Das Hebräerland, kurz bevor sie (erneut) auswandern musste – diesmal nach Palästina –, trug es bereits den Titel „Versöhnungstag“. In diesem utopischen Buch nimmt die Versöhnung die Form einer Botschaft an. Bei einem Theaterstück von Habima erreicht sie ihren Höhepunkt: eine Versöhnung zwischen Juden und Araber:
Die Araber lieben mit den Juden gemeinschaftlich, leidenschaftlich die Habimâh; bewundern seine großen Künstler. Die beiden versöhnten Stiefbrüdervölker, ein jedes begabt, sich zu begeistern.

„Versöhnungstag“ ist auch der Titel einer kurzen, biografischen Erzählung von Else Lasker-Schüler. Sie wurde 1932 in Berlin in ihrem Erzählband Konzert veröffentlicht (erstmals am 11.12.1925 in der Jüdisch-Liberalen Zeitung). In dieser Kindheitserinnerung liegt sowohl der Grund für die Faszination der Dichterin für Jom Kippur als auch ihre ganz eigene Interpretation davon. Für sie war es vielmehr ein Familienfeiertag, an dem sie nostalgisch an ihre Eltern zurückdenken konnte:
Kein Jude, der an diesem Tag, dem heiligsten Tag im Jahr, nicht an seine Eltern denkt.
Ihre Erfahrungen beim Versöhnungsmahl in diesem „Wiegenfest der Judenheit“, bei dem die Kinder und ihr Vater ernsthaft versuchen, den Feiertag gebührend zu begehen, es aber nicht schaffen, sind herzzerreissend. Hier wird deutlich, woher ihre kindlich-unbeschwerte Einstellung zu diesem vielleicht ernstesten Feiertag im Judentum kommt.
Wir Kinder konnten uns das Lachen kaum mehr verkneifen, bis er selbst uns lachend zurechtwies wegen der Dinge, die er ernst nahm.

Die Ähnlichkeit zwischen Amichais Geschichte über die Schokolade naschende Dichterin in der Jerusalemer Synagoge und ihrer Geschichte über ihren eigenwilligen, aber gut meinenden Vater, der mit grosser Entschlossenheit in die Synagoge stürmt, nur um die Türe dann rücksichtslos mit einem lauten Knall zuzuschlagen und damit alle Betenden zu stören, ist fast schon zu poetisch. Noch bemerkenswerter ist jedoch, was in dem Gedicht völlig fehlt, aber am Ende der Kurzgeschichte zur Sprache kommt: das Fasten. Dieser Aspekt von Jom Kippur ist vielleicht der bekannteste und wird von vielen als der wichtigste religiöse Akt dieses Tages betrachtet. Lasker-Schüler greift ihn auf und macht ihn zu ihrem eigenen:
Das Fasten des Magens ist es nicht, wenn die Seele nicht jedes Tandes entkleidet schimmert: »Platzmachen für Gott«. Auf das Fasten der Seele, darauf kommt es an, denn in diesen großen Stunden soll sie sich füllen mit unerschöpflicher jubelnder Liebe des Versöhnungstages.

Ihr Ideal in Sachen Fasten fand Lasker-Schüler in Rabbiner Dr. Kurt Wilhelm (1900–1965), der die liberale Gemeinde Emet ve-Emuna in Jerusalem leitete. Diese liberale jüdische Gemeinde wurde grösstenteils von Einwanderern aus Deutschland gegründet. In ihrer Synagoge wurde der Gottesdienst ähnlich wie in den liberalen jüdischen Gemeinden Deutschlands zu dieser Zeit abgehalten. In einem Text, der nach ihrem Tod in ihrem Nachlass gefunden wurde, schreibt Lasker-Schüler über Rabbiner Wilhelm:
Ich hätte mich nämlich so gerne mit ihm versöhnt.
Er war der, dessen ‚Seele‘ fastete.
Sucht man einen weltlichen-humanistischen Ausdruck für Jom Kippur, den religiösesten aller jüdischen Feiertage, so findet man ihn bei Else Lasker-Schüler; eine nicht-religiöse Dichterin, die religiös schrieb.
Oded Fluss. Zürich. 16.9.2026.