Das kurze Leben von Ernst Harburger

Tisha BeAv, an dem die Zerstörung beider Tempel begangen wurde, ist vielleicht der traurigste aller jüdischen Nationaltrauertage. Es mag eine Frage der Psychologie sein, aber an diesem Tag erhält eine persönliche Tragödie eine besondere, fast symbolische Bedeutung. Genau das ist vor 100 Jahren passiert, als ein 24-jähriger Jude bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Doch was hat das mit unserer Bibliothek zu tun? Die Geschichte beginnt elf Jahre zuvor, als der junge Mann seine Bar Mitzwa feierte.

Israels Gebete – Übersetzt und erläutert von Samson Raphael Hirsch. Verlag von J. Kaufmann. Frankfurt a.M. 1906. H 1507

Wenn man in unserer Bibliothek den alten Siddur תפלות ישראל Israels Gebete aufschlägt, der von Samson Raphael Hirsch übersetzt und erläutert und 1906 in Frankfurt am Main gedruckt wurde, findet man darin eine schöne Bar-Mitzwa-Widmung an einen Ernst Harburger von seinen drei Onkeln:

Zur Erinnerung an seine Barmizwah
ihrem lieben Neffen Ernst Harburger von seinen Onkeln
Heinrich Scheuer
Albert Scheuer
Max Scheuer

Leider fehlen in der Widmung sowohl das Datum als auch der Ort. In unserem Zeitungsarchiv haben wir jedoch eine kleine Anzeige in der Rubrik „Familien-Nachrichten” der Zeitung Der Israelit vom 27. Mai 1915 gefunden. Darin steht, dass die Bar-Mizwa am Samstag, dem 29. Mai 1915, im Betlokal der Israelitischen Religionsgesellschaft in Zürich stattfand.

Der Israelit. 27.5.1915

Wenn wir uns wieder dem Buch zuwenden, finden wir darin zwei weitere entscheidende Hinweise. Der eine ist der Besitzstempel des jungen Mannes selbst, Ernst Harburger. Der andere ist ein Geschenk-Exlibris, aus dem hervorgeht, dass unsere Bibliothek dieses Buch aus dem Nachlass seiner Eltern, Salomon (Saly) Harburger und Julie Harburger (geb. Scheuer), erhalten hat.

Saly Harburger wurde 1872 in Gailingen geboren. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung in Heilbronn zog er im Jahr 1896 nach Zürich. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich (IRG) und war von 1925 bis 1928 deren Präsident. Doch auch über Zürich hinaus tat er der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz Gutes: Er interessierte sich sehr für alle jüdischen Belange und war 1919 an der Gründung des Etania-Hilfsvereins in Davos beteiligt. Zudem unterstützte er 1927 das Komitee der Freunde der Jeschiwa in Montreux. Über viele Jahre hinweg vertrat er die Religionsgemeinschaft Zürich im Jüdischen Gemeindebund, war aktives Mitglied des Erez-Israel-Komitees und Mitbegründer der koscheren Spitalpflege im Bethanien-Heim.

Illustrierte schweizerische Handwerker-Zeitung, 1903.

In Zürich-Aussersihl gründete er die Firma „Saly Harburger Eisen und Metallhandlung“. Seine Frau Julie (1879–1965) lernte er in Heilbronn kennen, als er seine kaufmännische Lehre bei ihren Eltern absolvierte. Das Paar traf sich in Zürich wieder und heiratete im Jahr 1901. Ihr Haus bildete ein Zentrum der damals noch jungen Israelitischen Religionsgesellschaft.

Zu den vielen Tragödien, die das Ehepaar ereilten – sie verloren drei ihrer Kinder in jungen Jahren –, gehört auch der Tod ihres ältesten Sohnes Ernst (Elijahu) Harburger (1902–1926) bei einem Autounfall vor genau 100 Jahren, am 21. Juli 1926. Der 1902 in Zürich geborene junge Mann war wie seine Eltern sehr im jüdischen Leben engagiert. Er arbeitete in der Firma seines Vaters und widmete sich zahlreichen ehrenamtlichen Aktivitäten. So war er beispielsweise bereits mit 20 Jahren Präsident des Kadimah-Vereins in Zürich. Er kam ums Leben, als er beim Autofahren versuchte, einem kleinen Jungen auszuweichen, der seinem Ball hinterher auf die Strasse gelaufen war.

Israelitisches Wochenblatt,30.7.1926

Die zahlreichen Nachrufe in Schweizer und ausländischen Zeitungen zeugen von diesem grossen Verlust. Dank des Siddurs, den er zur Bar Mitzwa geschenkt bekommen hatte und der sich heute in unserer Bibliothek befindet, konnten wir seine Erinnerung heute, genau 100 Jahre später, für kurze Zeit wieder aufleben lassen.

Jüdische Presszentrale Zürich. 23.7.1926.

Oded Fluss. Zürich. Erev Tisha beAw, 22.7.2026