Megillat Orpa

Die an Schawuot gelesene Megillat Ruth erzählt eine der beliebtesten Geschichten der Bibel. Sie gilt als literarisches Meisterwerk und diente sogar Goethe als Orientierung für sein Werk Hermann und Dorothea. Er bezeichnete sie als „das lieblichste kleine Ganze, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist“.

Das Buch Ruth in einer Miniaturbibel aus der Breslauer Sammlung

Diese nur 85 Verse umfassende, optimistische Idylle steht im Widerspruch zu den pessimistischen Texten des Hiob und des Kohelet, zwischen denen sie steht. Die Geschichte verläuft völlig konfliktfrei, die Figuren sind einfach und positiv gezeichnet und streben stets das Gute an. Gerade wegen ihrer fröhlichen Haltung, die eine Anomalie in den biblischen Geschichten darstellt, wird die Megillat Ruth so geliebt.

Zeev Raban – Ruth.

Doch wie in vielen anderen biblischen Geschichten gibt es auch hier eine tragische Randfigur. Eine, die eine kleine, aber vielsagende Rolle spielt, über die nicht viel gesagt wird und die im Hintergrund bleibt. Sie regt die Fantasie vieler Menschen an und wirft zahlreiche Fragen auf. Meistens handelt es sich dabei um Frauenfiguren, wie Lots Frau in der Geschichte von Sodom und Gomorra oder Waschti in der Megillat Esther. In der Megillat Ruth finden wir mit Orpa eine solche Figur.

Marc Chagall – Noomi, Ruth und Orpa.

Orpa ist eine von drei Witwen. Während zwei von ihnen zu den Heldinnen der Geschichte werden, wird Orpa nur am Anfang erwähnt und verschwindet dann aus der Handlung. Im Gegensatz zu Ruth, die sich entscheidet, ihrer Schwiegermutter Noomi nach Bethlehem zu folgen, kehrt Orpa zu ihrem Volk, den Moabiten, zurück. Über sie wird nie wieder gesprochen. Es spielt keine Rolle, dass sie diese Entscheidung auf Bitte von Noomi getroffen hat – sie gilt trotzdem als die einzige negative Figur in der Geschichte und steht stets im Gegensatz zu Ruth. Schon ihr Name, Orpa, leitet sich vom hebräischen Wort „Oreph” für „Nacken“ / „Rücken” ab. Im Midrasch wird sie als „diejenige, die Noomi den Rücken zukehrte“, gedeutet.

William Blake – Noomi, Ruth und Orpa.

Chaim Nachman Bialik geht einen Schritt weiter. In seinem 1923 veröffentlichten Epos Megillat Orpa, das hauptsächlich auf dem Midrasch Ruth Raba basiert und als „Ergänzung zur Megillat Ruth“ beschrieben wird, verleiht er Orpa eine wesentlich wichtigere Rolle, jedoch auch verheerend negative Eigenschaften. Orpa, die als Ruths Schwester dargestellt wird, wird als promiskuitiv und leichtsinnig beschrieben.

Chaim Nachman Bialik – Megillat Orpa. va-Yehi ha-Yom. Divre Agadah. Dvir. Tel Aviv, 1935. H 343c (k)

Im Gegensatz zu ihrer rechtschaffenen Schwester sieht sie keinen Sinn darin, ihrer Schwiegermutter oder dem Gott Israels zu folgen. Stattdessen kehrt sie in die Geborgenheit ihrer Heimat Moab zurück. Dort trifft sie auf einen skrupellosen philistäischen Riesen, der ihr leichtsinniges Herz sofort erobert. Und so schliesst sich der Kreis: Die fromme Ruth wurde die Urgrossmutter des edlen Königs David, die sündige Orpa hingegen die des berüchtigten Goliath.

Osmar Schindler – David und Goliath.

Eine ganz andere Herangehensweise zeigt der jiddische Dichter Itzik Manger. Der für sein Mitgefühl mit Randfiguren bekannte Autor holt die Geschichte von Orpa aus der Bibel in die Gegenwart. In seinem 1951 veröffentlichten Midrash Itzik, erzählt er die Geschichte einer jungen Frau, die alles hinter sich lässt, um ihrer Liebe zu einem jüdischen Mann zu folgen. Als dieser plötzlich stirbt, steht sie vor der schmerzhaften Entscheidung, ob sie bei der Erinnerung an ihren Mann bleiben oder in ihr kleines Dorf zurückkehren und versuchen soll, erneut Liebe zu finden.

Itzik Manger – Midrash Itzik. Comité Itzik Manger. Paris, 1951

In dem bewegenden Gedicht Orpa ken nisht shlofen berichtet Manger von einem Brief ihres Vaters, in dem dieser sie anfleht, nach Hause zurückzukehren. Im letzten Gedicht des Zyklus‘ Orpa gezegnt zikh gibt es einen Moment wahrer Jiddischkeit. In diesem Moment begreift Noomi zum ersten Mal wirklich, wie sehr Orpa sich nach der Rückkehr in die Heimat verzehrt – und kann ihrem Gefühl nur zustimmen. Genau wie Noomi selbst und das jüdische Volk sehnt auch sie sich nach all den Jahren in der Fremde zurück ins eigene Land:

Orpa shvigt, zi otmet tif.
Un Noomi heybt oyf di hent:
Az voyl iz tsu dem vos gayt aheym
Nokh yorn zayn in der fremd.

Oded Fluss. Zürich, 20.5.2026.