Der Pessach-Hase
Die Pessach-Haggada ist eines der beliebtesten Bücher im jüdischen Volk und in jüdischen Familien. Dazu trägt bei, dass sie für ihre verspielten Verzierungen und Illustrationen bekannt ist. Jüdische Künstler liessen dabei ihrer Fantasie freien Lauf, die von ihrer Umgebung und dem Ort, an dem sie lebten, beeinflusst war. In den Illustrationen spiegeln sich mitunter ihre Träume, Ängste oder Vorstellungen von Erlösung wider. Dabei bedienten sie sich verschiedener Motive, Anspielungen und alter Volksmärchen, die mündlich überliefert oder aus alten Midraschim stammten. Einige dieser Motive sind leicht zu erkennen, andere wirken mitunter recht seltsam.

Eines der merkwürdigsten Motive in diesem Zusammenhang ist der Hase. In verschiedenen alten Haggadot aus dem 15. und 16. Jahrhundert finden sich Jagdszenen, in denen das gejagte Tier als Hase dargestellt wird. Eine Jagdszene in einer Pessach-Haggada ist an sich schon seltsam genug, da sie weder mit der Pessach-Geschichte noch mit den Juden jener Zeit, in der diese Haggadot verfasst wurden, etwas zu tun hat.

Dass bei dieser Jagd Hasen – ein nicht koscheres Tier – eine Rolle spielen, die ebenfalls nichts mit Pessach, aber sehr wohl mit dem christlichen Feiertag zu tun haben, der fast immer zur gleichen Zeit begangen wird, gab vielen Menschen Anlass zum Nachdenken. Der Hase und die „Jagd” nach „seinen” Eiern sind prägende Elemente von Ostern. Daher nahmen viele an, dass die Darstellung der Hasenjagd in den Haggadot eine Adaption oder Anspielung auf die christliche Tradition sei.

Es ist jedoch zweifelhaft, dass diese Szenen Bezug auf die christliche Tradition nehmen, da sich das Motiv des Osterhasen erst im späten 16. bzw. frühen 17. Jahrhundert zu etablieren begann. Einige der Haggadot, in denen Hasen dargestellt sind, wurden in einer früheren Zeit gedruckt. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass sie von dieser Tradition beeinflusst wurden.

Eine einfachere Lösung für dieses Rätsel bietet die Platzierung der Hasenabbildungen in der Haggada. Diese erscheinen fast immer im Teil des Kiddusch, der vor dem Trinken des ersten Weinglases kommt. Laut dem Talmud (Pessachim) wird bei einem Zusammentreffen von Sederabend und Sabbatausgang (wie im Jahr 2025) in folgender Reihenfolge gesegnet: Jajin (Wein), Kiddusch (Heiligung), Ner (Licht), Hawdoloh (Unterscheidung) und Sman (Zeit). Die Anfangsbuchstaben dieser Segensprüche ergeben das Merkwort „JKNHS”, das von den aschkenasischen Juden „Jag’n Has” ausgesprochen wurde – daher die Darstellung einer Hasenjagd.

In der berühmten Venediger Haggada, die erstmals im Jahr 1609 gedruckt wurde, ist im Inneren des Buchstabens „Bet“ (ב) des Kiddusch eine Hasenjagd abgebildet. Direkt darüber steht in hebräischen Buchstaben die Abkürzung „יקנה“ז“ (JKNHS).

Zum Abschluss noch eine amüsante Kuriosität aus einem unserer Bibliotheksbücher. Wir haben darin eine Zeichnung entdeckt, die einen jüdischen Osterhasen mit Kippa und Pejes zeigt. Er ist von Ostereiern umgeben und vor ihm liegt eine halb aufgegessene Pessach-Mazza. Die Originalzeichnung stammt aus der im Jahr 1920 in München erschienenen Anthologie An den Wassern von Babylon. Leider gibt sie keinen Hinweis auf die Künstlerin bzw. den Künstler, so dass wir nicht wissen, ob es sich um eine Zeichnung des damaligen Besitzers oder einer Bibliotheksnutzerin bzw. eines Bibliotheksnutzers handelt.
Oded Fluss. Zürich, 26.3.2026.