Die Haggada von Raphael Ris

Meine Mutter war eine geborene Ries oder Ris, eine Enkelin des Rabbiners Abraham Ris aus Lengnau, der seinerseits der Sohn jenes Rabbiners Raphael Ris aus Hagental war, der vom Jahre 1788 bis zu seinem Tode 1813 im Surbtal, in den Gemeinden Endigen und Lengnau amtierte.

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre

In einer der ältesten Pessach-Haggadot unserer Bibliothek verbirgt sich ein kleines, aber bedeutendes historisches Zeugnis. Auf der letzten Seite der 1790 in Fiorda (Fürth) gedruckten Haggada steht ein handschriftlicher Vermerk eines früheren Besitzers – jenes Mannes, der zu einer der zentralen Figuren des Schweizer Judentums werden sollte.

Haggada Seder shel Pessach. mit Kommentar von Abarbanel. Fürth, 1790. H 5058

Die kleine Notiz beginnt mit einem Wortspiel aus dem Talmud Bavli und verrät, dass das Buch dem Rabbiner und Kabbalisten Raphael Ris (auch Raphael Hagenthal genannt) in Endingen gehörte. Dieser wurde 1728 in der elsässischen Gemeinde Hagenthal geboren und leitete neben dem Rabbinat auch eine Jeschiwa. Von 1788 bis zu seinem Tod im Jahr 1813 amtierte Ris als Rabbiner in Lengnau und Endingen. Dies waren damals die einzigen Ortschaften in der Schweiz, in denen Juden sich dauerhaft niederlassen und eigene Gemeinden gründen durften.

„קנין כספי אמר רחמנא והאיכא להגאון הגדול אדוננו מורינו ורבינו רפאל ב“ה אברהם האגענטאהל חונה פה ק“ק ענדיגן“
Gehört dem grossen Lehrer und Rabbiner Raphael ben Abraham Hagenthal, niedergelassen hier in der heiligen Gemeinde Endingen.

Ris gilt als Schlüsselfigur der Schweizer Juden, als Stammvater einer der bekanntesten jüdischen Familien des Landes und als Vorfahre einer langen Reihe von Rabbinern. Im Jahr 2000 veranstaltete das Jüdische Museum in Basel die Sonderausstellung Die Rabbiner Ris – Eine Familie in der Region um 1800. Der berühmte Schriftsteller Kurt Guggenheim war ein Ururenkel von Raphael Ris. In seinem autobiografischen Werk Die frühen Jahre erwähnt Guggenheim seinen Ururgrossvater mehrfach:

ich befand mich, in der Luftlinie gemessen, keine zehn Kilometer von jenem Hagenthal im Elsaß, an der Schweizer Grenze, entfernt, aus dem mein Urahne stammte, eben jener Rabbiner Raphael Ris aus Hagenthal in Lengnau, der im Jahre 1794 eines Gedicht für den Frieden der Schweiz verfaßte…

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre

Kurt Guggenheim – Die frühen Jahre. Artemis Verlag. Zürich, 1962. D 4871 (k)

Wie Guggenheim richtig anmerkt, ist eine Massnahme besonders bemerkenswert, die Rabbiner Ris während der Wirren der Französischen Revolution ergriff: Im Frühjahr 1794, nur vier Jahre nach dem Druck unserer Haggada, erreichten die Revolutionskriege die Schweizer Grenze. Im Land selbst brodelte es, vor allem in der von Bern beherrschten Westschweiz. Unter dem Eindruck dieser Bedrohung einigten sich die regierenden protestantischen und katholischen Obrigkeiten auf einen Vorschlag Berns: einen gemeinsamen, überkonfessionellen eidgenössischen Bettag. Am 16. März 1794 beteten Protestanten und Katholiken in der Schweiz erstmals gemeinsam um Frieden und Bewahrung.

„Zuruf an die freyen Helvetier, den wegen der bedenklichen Zeitumstände auf den 16. Merz 1794 verordneten Busstag in der ganzen Schweiz recht zu begehen“. Universitätsbibliothek Basel, UBH Falk 2994:2

Am selben Tag versammelten sich auf Initiative von Rabbiner Raphael Ris auch die jüdischen Gemeinden der beiden aargauischen Orte Endingen und Lengnau im Surbtal zu einem Gottesdienst – genau einen Monat vor Pessach, das in diesem Jahr am 16. April stattfand. Für diesen Anlass verfasste Ris ein gereimtes hebräisches Gebet, das sich ausdrücklich auf die Situation der Juden in der Schweiz bezog.

Stadtarchiv Zürich. Nachlass Hans Konrad Escher

Die Schönheit und Komplexität der hebräischen Reime machen eine adäquate Übersetzung ins Deutsche nahezu unmöglich. Es gab jedoch zwei Versuche: einen von Kantor Löb aus Basel, der 1916 im ersten Jüdischen Jahrbuch der Schweiz veröffentlicht wurde, und einen etwas genaueren Versuch der renommierten Kulturhistorikerin Florence Guggenheim, der genau 170 Jahre nach der Erfassung, im Jahr 1964, erfolgte. Zunächst preist und ehrt Ris Gott und all seine Taten, schildert aber auch die derzeitige trübe Lage der Welt:

Möge es Dir wohlgefällig sein, Ewiger, unser Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob, ewig lebender und bestehender Gott, Weltenkönig, Bildner aller Geschöpfe, der den Erdball mit seiner Kraft geschaffen, die Welt mit seiner Weisheit gegründet, in seiner Einsicht den Himmel ausspannte; der die feste über den Wassern erstreckte […] Du hast geboten, dass jeder Mensch seinen Nächsten liebe und in seinem Werke unterstütze, dass jeder den Neid von seiner Wohnung fernhalte und sein ganzes Sinnen sei, jeden Menschen zu lieben. Und nun: Ein Beben erschüttert die Erde, das Böse triumphiert auf der Erde, in Trümmern liegt dir Erde, es wanken die Grundfesten der Erde, Schrecken Fanggrube und Netz fielen auf die Bewohner der Erde.

Die Synagoge in Endingen zur Zeit von Raphael Ris. Aus Johann Caspar Ulrichs Sammlung jüdischer Geschichten. Basel, 1768. D 2727 (k)

Besonders beeindruckend ist der Schluss, in dem es um die Schweiz und ihre jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner geht. Neben einer seltenen Erwähnung der Schweizer Berglandschaft werden darin auch die wichtigsten Anliegen und Wünsche der damals dort lebenden jüdischen Bevölkerung mit ihren sehr besonderen Lebensbedingungen thematisiert.

Ich danke Dir, Herr der Heerscharen, für die vielen Wohltaten, die Du uns erwiesen, und für all das Gute, das Du uns zukommen liessest. Vor allen Arten des Kriegsschwertes hast Du uns bis jetzt bewahrt. Vater des Erbarmens, siehe, wir danken Dir für das Vergangene und erflehen für die Zukunft, dass die Berge in Frieden aufragen und Deine Güte sich weiterhin erstreckte über die Regenten und Statthalter des Landes Schweiz und über alle, die sich unter ihrem Schutze bergen. Verlasse sie nicht; die Stimme der Not und der Bedrängnis möge nicht gehört werden in ihren Städten, die Ruhe des Friedens und der Geborgenheit erblühe in ihren Grenzen, Freude und Wonne ruhe auf ihren Wohnstätten und die Gnade des Höchsten weiche nicht von ihnen und ihrem Volke immerdar. Und neige ihr Herz zu den Juden, die unter ihrer Herrschaft wohnen, zum Guten, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Dieses Bettags-Gedicht für den Frieden ist weit mehr als nur ein historisches Dokument. Es spiegelt die Ängste und die tiefe Dankbarkeit der Schweizer Juden am Ende des 18. Jahrhunderts wider: die ständige Unsicherheit angesichts von Kriegen, aber auch die Wertschätzung für einen vergleichsweise freien und sicheren Zufluchtsort, den sie mit Angehörigen anderer Religionen teilen wollten. Angesichts der schwierigen Lage der Juden in der Diaspora im Allgemeinen und der Schweizer Juden im Besonderen, die stets der Doppeltreue bezichtigt wurden, musste Ris, der selbst französischer Untertan war, bei dem, was er schrieb, vorsichtig sein. In diesem Gebet werden keine Feinde erwähnt und es wird auch nicht der Wunsch geäussert, einen Krieg zu gewinnen. Vielmehr ist es ein aufrichtiges Flehen um Frieden, Ruhe und Freiheit.

Die Synagoge in Lengnau zur Zeit von Raphael Ris. Zeitgenössische Zeichnung von Johann Caspar Ulrich. B 1941.

Gerade in unserer Zeit, in der Krieg und Not wieder allgegenwärtig sind, Chaos die Welt beherrscht und es schwerfällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, gewinnen diese Worte zum bevorstehenden Pessachfest, dem Fest der Freiheit, eine schmerzlich aktuelle Kraft. Mehr als 230 Jahre nachdem sie erstmals vorgelesen wurden, hallen sie wie ein zeitloses Gebet nach, das Frieden, Freiheit, Schutz, Gnade und Güte erfleht.

Oded Fluss. Zürich. 25.3.2026.