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Abraham Joshua Heschel als jiddischer Dichter.

Zu seinem 50. Todestag
Abraham Joshua Heschel (1907-1972)

Vor 50 Jahren starb einer der einflussreichsten und wichtigsten jüdischen Philosophen und Denker des 20. Jahrhunderts, Professor Rabbiner Abraham Joshua Heschel (1907-1972). Abraham Joshua Heschel wurde in Warschau als das jüngste von sechs Kindern geboren. Er stammte auf beiden Seiten seiner Familie von bedeutenden chassidischen Rabbinern ab. Nach einer traditionellen Jeschiwa-Ausbildung und dem Studium für die orthodoxe rabbinische Ordination (Semicha), promovierte Heschel an der Universität Berlin und erhielt die rabbinische Semicha an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Dort unterrichtete er Talmud und studierte bei einigen der besten jüdischen Pädagogen seiner Zeit. Ende Oktober 1938, als er in Frankfurt wohnte, wurde Heschel von der Gestapo verhaftet und im Rahmen der ‚Polenaktion‘ nach Polen deportiert. Dort verbrachte er zehn Monate damit, am Warschauer Institut für Jüdische Studien Vorlesungen über jüdische Philosophie und Tora zu halten. Sechs Wochen vor dem deutschen Einmarsch in Polen verliess Heschel Warschau in Richtung London. Heschels Schwester und Mutter wurden von den Nazis ermordet und zwei weitere Schwestern von ihm starben in Konzentrationslagern. Er kehrte nie wieder nach Deutschland, Österreich oder Polen zurück.

Abraham Joshua Heschel ca. 1945


Heschel kam im März 1940 in New York an. Er war fünf Jahre lang Mitglied der Fakultät des Hebrew Union College (HUC), der zentralen Hochschule des Reformjudentums, in Cincinnati. Im Jahr 1946 nahm er eine Stelle am Jewish Theological Seminary of America (JTS) in New York an, dem Zentrum des konservativen Judentum. Dort entwickelte er sein einzigartiges religiös-humanistisches und politisches Denken. Heschel hatte sich nie erlaubt, im Elfenbeinturm zu sitzen und betrachtete sein Denken als Teil des Lebens. In seinen politischen Aktivismus wurde er zur Stimme der Ungehörten; er war ein enger Freund und Kamerad von Martin Luther King in seinem Streben nach gleichen Rechten für Schwarze in Amerika und ein entschiedener Gegner des Vietnamkriegs. Beeinflusst von den biblischen Propheten, über die er auch sein erstes philosophisches Buch schrieb, war eine seiner Hauptideen der Dialog und die wechselseitige Interaktion zwischen Mensch und Gott: Der Mensch darf den Gräueltaten nicht tatenlos zusehen und ist verpflichtet, Gott bei der Schaffung einer besseren Welt zu „helfen“. Gott und Mensch sind voneinander abhängig und das Leid des Menschen bringt Gott Leid und vice-versa. Genauso wie der Mensch Gott sucht, sucht Gott den Menschen.

Ein paar seltene Bücher von Heschel aus unserer Bibliothek Bestand

Abraham Heschel wurde zu einem der bekanntesten und einflussreichsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein Gedanke sollte die Barriere der Religion durchbrechen und universell anerkannt werden. Unsere Bibliothek verfügt über zahlreiche Bücher von Heschel sowohl in deutscher, englischer als auch hebräischer Sprache, darunter seine frühesten Werke aus den 1930er Jahren und seine späteren Werke aus den letzten Jahren seines Lebens. Doch noch mehr Bücher, die über Heschel geschrieben oder von ihm direkt beeinflusst wurden, stehen in unseren Regalen und zeigen den immensen Einfluss, den sein Denken bis heute hat.

Es gibt jedoch einen Aspekt in Heschels Leben und Denken, der vielen unbekannt ist. 1925, vor seiner Ankunft in Berlin, ging der 18-jährige Heschel nach Wilna, um dort das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium zu absolvieren. Die Schule, die er besuchte, war das jiddischsprachige jüdische Realgymnasium, das von Leib Turbowicz geleitet wurde. Dort machte er Bekanntschaft mit der renommierten jiddischen Dichtergruppe יונג-ווילנע (Jung Vilna) und veröffentlichte 1933 sein eigenes jiddisches Gedichtbuch דער שם המפורש מענטש „Der Shem Hamefoyrosh: Mentsch“ [der ausdrückliche/ unaussprechliche Name: Mensch] .

Eine Anzeige auf der ersten Seite der jiddischen Zeitung „Haynt“ in Warschau vom 4. Dezember 1933.

Dieser Gedichtband ist mehr als alles andere ein biografisches Dokument einer sehr wichtigen Zeit in Heschels Leben Anfang der 30er Jahre in Wilna und Berlin. Darin schildert der junge Heschel mutig seine inneren Kämpfe mit zeitgenössischen Denkern, mit seiner chassidischen Herkunft, mit Gott und mit sich selbst. Hier wird zum ersten Mal Heschels einzigartige und aktive Herangehensweise an das jüdische Prinzip des Tikun Olam (Reparatur der Welt) dargestellt. Das Buch, der einzige Gedichtband von Heschel, wurde nie ins Deutsche übersetzt und wird überraschenderweise fast völlig übersehen, obwohl es viele von Heschels späteren Ideen und Gedanken enthält. Zu Ehren seines 50. Todestages haben wir beschlossen, eines der Gedichte aus seinem Buch ins Deutsche zu übersetzen, in der Hoffnung, dass dies andere dazu inspiriert, eine richtige Übersetzung dieses ganzen schönen Buches zu machen.

Das Gedicht איך און דו (Ich und du) ist das erste in diesem Band. Es kommt unter dem Kapitel „der mentsh iz heylik“ (der Mensch ist heilig) und steht im direkten Dialog mit Martin Bubers berühmtem Buch, das ebenfalls „Ich und du“ heisst. Wir finden hier einen Dialog zwischen Heschel und Gott, der nicht in Worten, sondern durch Gefühle geführt wird. Auffällig ist die direkte Beziehung, ja fast Identität, die Heschel zwischen Gott und Mensch herstellt. Im Gegensatz zur üblichen religiösen Poesie, in der der Sprecher die Hilfe und den Trost Gottes sucht, erscheinen hier Mensch und Gott als austauschbar; beide teilen Körper, Leiden und Träume. Sie sind in voller Synergie, wechseln ständig die Rollen und sind gleichermassen für einander verantwortlich.

Oded Fluss. Zürich, 5.1.2023

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