Website-Icon Schätze aus der Breslauersammlung und der ICZ-Bibliothek

Das Volk allein, dem es geschah, das feiert lieber Chanukah.

Siegfried Altmann; Erich Mühsam; Theodor Herzl; Abraham Reisen; Arno Nadel.

Es gibt wohl keinen anderen jüdischen Feiertag, der durch seine vielen Lieder so bekannt ist wie Chanukkah. Auch diejenigen, die kein Wort Hebräisch sprechen, können Lieder wie נר לי נר לי „ner li, ner li“ oder סביבון סוב סוב סוב „sevivon sov sov sov“ auswendig zitieren und natürlich wird das bekannteste (und zugleich unverständlichste) Lied מעוז צור „Maos Zur“ von jungen und alten Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt gesungen. Die bekannten Chanukka-Lieder, die sich an Kinder richten und vor allem von ihnen geliebt werden, wurden meist in den 1920er und 30er Jahren geschrieben. Sie beschreiben normalerweise das Wunder der Ölkrug, sowie die besonderen Bräuche und Speisen, die diesen Feiertag begleiten; das Anzünden der Kerzen für acht Tage, das Spielen mit dem Dreidel und das Essen der Latkes. All diese Lieder haben gemeinsam, dass sie auf Hebräisch sind.
Es gibt jedoch viele Chanukka-Lieder, oder besser gesagt, Gedichte, die geschrieben wurden und nie in den Kanon gelangten. Diese Gedichte wurden in deutscher und jiddischer Sprache verfasst, und der Lauf der Geschichte hat sie in Vergessenheit geraten lassen. Sie sind nicht unbedingt für Kinder gedacht und man kann durch sie die Bedeutung von Chanukka für die Juden von damals besser verstehen.

In einem früheren Beitrag [https://breslauersammlung.com/2022/12/15/herzl-und-chanukka/] haben wir bereits Theodor Herzls Gedicht „Menorah“ besprochen. Es ist nicht bekannt, wann das Gedicht geschrieben wurde, da es erst nach Herzls Tod veröffentlicht wurde, aber es ist ein gutes Beispiel für die Verwendung von Chanukka für zionistische Zwecke. Besonders bemerkenswert ist die letzte Zeile über den Sieg der Makkabäer und die Darstellung des jüdischen Volkes als Helden. Dies war ein bekanntes zionistisches Motiv, das darauf abzielte, den „neuen Juden“ zu schaffen. Bemerkenswert ist auch der Vergleich der Chanukka-Menorah mit einem Baum. Dieser Vergleich spielt gleich zwei wichtige Rollen: die Betonung der Wurzeln und des Wachstums des jüdischen Volkes sowie die indirekte Beziehung zum Weihnachtsbaum, den viele assimilierte Juden der damaligen Zeit in ihrem Haus hatten, während sie sowohl Chanukka als auch Weihnachten feierten.

Ein weiteres Gedicht, zu dem es hier einen logischen Übergang gibt, ist das Gedicht „Menorah“ von Siegfried Altmann (1887-1963). Logisch nicht nur, weil es denselben Titel wie Herzls Gedicht trägt, sondern auch, weil es einen von Herzls Versen: „Menorah schlanker Silberbaum“ als Refrain verwendet. Altmann, ein Pädagoge in der Blindenbildung und vor 1938 Direktor des Israelitischen Blindeninstituts in Wien, veröffentlichte dieses Gedicht im Dezember 1912 in der jüdischen Zeitung Freie jüdische Lehrerstimme. Das Gedicht zeigt sowohl den Einfluss von Herzl als zionistischem Vordenker als auch, einmal mehr, die Anpassung von Chanukka an den Zionismus, indem es zionistische Ziele und Wünsche durch den jüdischen Feiertag darstellt.

Arno Nadel – Chanukkah. Radierung von Joseph Budko. Aus Joseph Budko und Arno Nadel „Das Jahr des Juden“. Verlag für jüdische Kunst und Kultur Fritz Gurlitt. Berlin, 1920. D 440

Eine andere Art von Gedichten konzentrieren sich auf den Mut der Makkabäer, aber nicht auf eine zionistische, sondern auf eine persönliche, individuelle Weise. Dies war in der Chazal-Literatur (Mischna und Talmud) vermieden worden, um die Römer und andere Völker nicht zu verärgern: Ein von den Juden gefeierter Sieg hätte sie in Gefahr bringen können, da die Völker, unter denen sie lebten, hätten glauben können, dass sie nationale Bestrebungen hätten. Mit dem Aufkommen des politischen Antisemitismus wurde das Bedürfnis nach jüdischem Heldentum neu geboren, und eine Person wie Juda Makkabi wird in vielen Geschichten und Gedichten als Vorbild dienen. Das vorliegende Gedicht wurde von dem begabten Dichter, Musiker, Übersetzer und Künstler Arno Nadel (1878-1943) im Buch „Das Jahr des Juden“ verfasst, das er zusammen mit dem Künstler Joseph Budko (1888-1940) im Jahr 1920 schrieb. Im Gedicht „Chanukka“ geht es um den Kampf des Einzelnen gegen „die Welt“. Der Einzelne ist Juda Makkabi, der für den Kampf des jüdischen Volkes steht.

Abraham Reisen – wenn’ch zind di lichtlech an, di acht…

Wenden wir uns nun vom Zionismus und Heldentum einem anderen bekannten Chanukka-Motiv zu, das in vielen frühen Gedichten auftaucht: dem des Trostes. In dunklen Zeiten galten die Chanukka-Kerzen immer als eine Quelle des Lichts und der Hoffnung. Kombiniert man dies mit einer der wenigen Zeiten in der Geschichte, in denen Juden (in diesem Fall die Makkabäer) den Sieg erringen konnten, und dem göttlichen Eingreifen in der Geschichte des Chanukkawunders, kann man sich vorstellen, wie dieser Feiertag eine Quelle des Trostes für leidende Juden auf der ganzen Welt sein konnte. Abraham (Awrohom) Reisen (1876-1953) war einer der wichtigsten und bekanntesten jiddischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Lange Zeit zu Unrecht vergessen, hat er jedoch eines der schönsten Chanukka-Gedichte geschrieben, in dem Trost das Hauptthema ist:

Awrohom Reisen – Wenn ich die Lichtlein zünd, die acht… Jüdische Rundschau. Berlin, 26.11.1937

Erstmals um 1900 veröffentlicht, wurde das Gedicht zu Chanukka 1937 ins Deutsche übersetzt und in der berühmten Berliner Jüdischen Rundschau vor die deutschen Juden gebracht, die in dieser Zeit viel Trost brauchten. Die Übersetzung und Transkription wurde vom Verleger Dr. Sally (Saul) Rabinowicz (1889-1943) vorgenommen, der weniger als ein Jahr später versuchte, aus Nazi-Deutschland zu fliehen, landete im Westerbork und wurde von dort ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo er ermordet wurde.

Adolf Kulka – „Schamess der Chanukalichter“. Aus Libanon – Ein poetisches Familienbuch von Ludwig August Frankl. Wien, 1864

Eine andere Art von Trost finden wir in dem Gedicht „Schammes der Chanukalichter“ des Schriftstellers Adolf Kulka (1823-1898). Kulka verwendet den Chanukkakleuchter, um eine interessante Analogie zu schaffen. Der Schammes (der Diener) inmitten der anderen Chanukka-Kerzen ist eine Metapher für das jüdische Volk inmitten der anderen Völker der Welt. Wie die Schammes ist das jüdische Volk die Quelle des Lichts für alle anderen Völker, aber es ist dazu bestimmt, einsam zu stehen, weit weg von seinen Brüdern, denen es dient. Der Trost kommt hier in der Art des Schicksals; das jüdische Volk ist dazu bestimmt, abgeschieden zu sein, aber dadurch dienen sie als das Licht der Welt.

Aus „Moaus zur : ein Chanukkahbuch. Jüdischer Verlag. Berlin, 1918

Obwohl es noch zahlreiche weitere Gedichte zu Chanukka gibt, wollen wir hier mit einer eher positiven Note enden und uns andere Gedichte für das nächste Jahr aufheben. Weil es so schwer zu verstehen und doch so bekannt ist, hat Maos Zur viele Parodien mit sich gebracht, die die ersten paar Worte des Liedes, die jeder kennt, aufgreifen, aber auf komische Weise fortsetzen. Das obige Beispiel mit dem einfachen Titel „Kinderlied“ stammt aus einer Anthologie für Chanukka namens „Moaus zur : ein Chanukkahbuch“, die 1918 in Berlin veröffentlicht und von S.Y. Agnon herausgegeben wurde. Wie die meisten Parodien beginnt es mit dem bekannten Vers „Moaus zur jeschuossi“, gleitet dann aber in die Gefilde des Unsinns.

Erich Mühsam – Heilige Nacht. Die Weltbühne. 27. Dezember, 1923.

Eine weitere sehr bekannte Parodie ist das Gedicht „Heilige Nacht“ von dem Dichter und Anarchisten Erich Mühsam (1878-1934). Im letzten Heft von 1923 der „Weltbühne“ nahm Mühsam den Titel des bekannten Weihnachtsliedes und die Geschichte von der Geburt Jesu, die „jeder Arier“ feiert, nur um mit der Pointe zu enden, dass Jesus in Wirklichkeit ein Jude war und sein Volk, dem diese Geschichte tatsächlich widerfahren ist, sich überhaupt nicht für Weihnachten interessiert und stattdessen lieber Chanukka feiert.

Oded Fluss. Zürich, 19.12.2022 נר שני של חנוכה

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