„Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.“ Anne Frank und das Lichterfest

Erste niederländische Ausgabe des Tagebuchs. Amsterdam, 1947.

In ihrem Versteck in Amsterdam, in dem sie mehr als zwei Jahre verbrachte, feierte die Familie Frank zweimal Chanukka, was in Annes berühmtem Tagebuch erwähnt wird. Die assimilierte Familie, die von ihren christlichen Freunden versteckt wurde, feierte das jüdische Lichterfest zusammen mit dem christlichen, das normalerweise ungefähr zur gleichen Zeit stattfindet. Es ist interessant zu sehen, wie Chanukka und Weihnachten für die Familie eine grosse Rolle spielten, sowohl als Brücke zwischen ihnen und ihren Helfer*innen als auch als dringend benötigtes Licht in den sehr dunklen Zeiten ihres Verstecks.

Der Eingang zum Versteck durch das Bücherregal

Die erste Erwähnung von Chanukka durch Anne Frank erschien nicht in der offiziellen Ausgabe des Tagebuchs. Der Eintrag wurde offenbar in einem anderen Tagebuch geschrieben, das Anne Frank verfasst hatte und das erst in die Gesamtausgabe aufgenommen wurde. Die kleine Passage stammt vom 5. Dezember 1942, kaum sechs Monate nachdem die Familie untergetaucht war. Anne schreibt über den Abend davor, was bedeutet, dass sie den zweiten Abend von Chanukka (d.h. zweite Kerze) meint. Denn im Jahr 1942 begann Chanukka am 3. Dezember:

Beste Kitty,
Gestern Abend war es herrlich, wie haben erst Kerze angezündet und sind dann nach oben gegangen, dort war alles mit Blumen übersät, von Pim für Mama, von Herrn v.Pels und Herrn Pf. für Mama, von Herrn v.Pels für Frau [van Pels] und von Pim und Herrn Pf. für Frau [van Pels]. Mutter hat noch ein Päckchen Zigaretten und 1 Tafel Schokolade bekommen. Margot und ich jede ein reizendes Nähkästchen, Piet und wir zwei sehr viele Zuckerplätzchen, und M. und ich 1 Tafel Schokolade und 1 silbernes Schälchen. Ich noch ein Schloss für mein Tagebuch.
Anne Frank (1929-1945)

Die zweite Erwähnung von Chanukka findet sich in einem Eintrag zwei Tage später am Montag, den 7. Dezember 1942. Hier ist bereits deutlich zu erkennen, wie Chanukka und die Vorweihnachtszeit miteinander vermischt und von der Familie und ihren Helfer*innen als Einheit gefeiert werden. Die Hauptmotive beider Feiertage – das Licht und die Lieder neben den Geschenken – sind besonders bemerkenswert:

Liebe Kitty!
Chanukka und Nikolaus fielen dieses Jahr fast zusammen, der Unterschied war nur ein Tag. Für Chanukka haben wir nicht viele Umstände gemacht, ein paar hübsche Sächelchen hin und her und dann die Kerzen. Da ein Mangel an Kerzen herrscht, wurden sie nur zehn Minuten angezündet, aber wenn das Lied nicht fehlt, ist das auch ganz gut. Herr van Daan hatte einen Leuchter aus Holz gemacht, sodass das auch geregelt ist.
Der Nikolausabend am Samstag war viel schöner. Bep und Miep hatten uns sehr neugierig gemacht und schon die ganze Zeit immer mit Vater geflüstert, sodass wir irgendwelche Vorbereitungen wohl vermutet hatten. Und wirklich, um acht Uhr gingen wir alle die Treppe hinunter, durch den stockdunklen Flur (mir schauderte, und ich wünschte mich schon wieder heil und sicher oben!) zu dem Durchgangszimmer. Dort konnten wir Licht anmachen, weil dieser Raum keine Fenster hat. Vater machte den großen Schrank auf. »Oh, wie hübsch!«, riefen wir alle.
In der Ecke stand ein großer Korb, mit Nikolauspapier geschmückt, und ganz oben war eine Maske vom Schwarzen Piet befestigt. Schnell nahmen wir den Korb mit nach oben. Es war für jeden ein schönes Geschenk mit einem passenden Vers drin. Nikolausverse wirst du wohl kennen, darum werde ich sie dir auch nicht schreiben. Ich bekam eine Puppe aus Brotteig, Vater Buchstützen und so weiter. Es war jedenfalls alles schön ausgedacht, und da wir alle acht noch nie in unserem Leben Nikolaus gefeiert haben, war diese Premiere gut gelungen.

Deine Anne

P. S. Für unsere Freunde unten hatten wir natürlich auch was, alles noch aus den früheren guten Zeiten, und bei Miep und Bep ist Geld ausserdem immer passend. Heute haben wir gehört, dass Herr Voskuijl den Aschenbecher für Herrn van Daan, den Bilderrahmen für Dussel und die Buchstützen für Vater selbst gemacht hat. Wie jemand so kunstvolle Sachen mit der Hand machen kann, ist mir ein Rätsel!

Fast ein Jahr später, am 3. November 1943, wird Chanukka von den Mitgliedern der Familie Frank und von ihren Helfer*innen erneut diskutiert. Otto Frank hatte es für sehr wichtig gehalten, dass die Familie und vor allem die Töchter auch während der schwierigen Zeit im Versteck ihren Horizont erweiterten und weiterbildeten. Chanukka wurde als eine gute Gelegenheit für ein Bildungsgeschenk angesehen. Das Geschenk, das der Vater vorschlug, passte jedoch besser zum christlichen Feiertag, der kurz bevorstand:

Liebe Kitty!
Um uns etwas Abwechslung und Fortbildung zu verschaffen, hat Vater den Prospekt des Leidener Lehrinstituts angefordert. Margot hat das dicke Buch schon dreimal durchgeschaut, ohne dass sie etwas nach ihrem Geschmack oder ihrer Geldbörse fand. Vater entschied sich schneller, er wollte eine Probelektion »Grundkurs Latein« bestellen. Gesagt, getan. Die Lektion kam, Margot machte sich begeistert an die Arbeit, und der Kurs, egal wie teuer, wurde genommen. Für mich ist er viel zu schwer, obwohl ich sehr gerne Latein lernen würde. Damit ich auch etwas Neues anfangen kann, bat Vater Kleiman um eine Kinderbibel, damit ich endlich auch etwas vom Neuen Testament erfahre. »Willst du Anne zu Chanukka etwa eine Bibel schenken?«, fragte Margot etwas entsetzt.
»Ja … eh, ich denke, dass Nikolaus eine passendere Gelegenheit ist«, antwortete Vater.
Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.

Eineinhalb Monate später, am 22. Dezember 1943, wird Chanukka zum letzten Mal im Tagebuch erwähnt. In diesem Jahr würde die erste Kerze von Chanukka am 21. Dezember angezündet, drei Tage vor Heiligabend, und die beiden Feiertage wurden teilweise zur gleichen Zeit gefeiert. Die enge Verbindung zwischen den beiden Feiertagen wird wieder spürbar, wenn Anne beide Feiertage wie in einem Atemzug beschreibt. Was wir normalerweise Chanukka zuschreiben: Öl und Süssigkeiten, beschreibt Anne Frank auf der Weihnachtsseite, die Geschenke, die wir Weihnachten zuschreiben, auf der Chanukka-Seite:

Zu Weihnachten gibt es extra Öl, Süssigkeiten und Sirup. Zu Chanukka hat Herr Dussel Frau van Daan und Mutter eine Torte geschenkt. Miep hat sie auf Dussels Ersuchen gebacken. Bei all der Arbeit musste sie auch das noch tun. Margot und ich haben eine Brosche bekommen, aus einem Centstück gemacht und schön glänzend. Es lässt sich kaum beschreiben, wie prächtig!
Für Miep und Bep habe ich auch etwas zu Weihnachten. Ich habe seit ungefähr einem Monat den Zucker zum Brei gespart und Kleiman hat zu Weihnachten Fondant davon machen lassen.
Das Wetter ist trüb, der Ofen stinkt, das Essen drückt schwer auf aller Magen, was von allen Seiten donnernde Geräusche verursacht.
Kriegsstillstand, Miststimmung.

Deine Anne
Abbildung der ‚Weihnukka‘-Feier der Familie Frank.
Ari Folman – Das Tagebuch der Anne Frank: Graphic Diary. S. Fischer Verlag, 2017

Dies war das letzte Chanukka der Familie Frank im Versteck und auch Annes letzte Worte über den Feiertag in ihrem Tagebuch. Am 4. August 1944 wurde das Versteck von der deutschen Ordnungspolizei gestürmt und die Familie wurde gefangen genommen, von der Gestapo verhört und nach Westerbork geschickt. Im September wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und die beiden Mädchen im Oktober von dort nach Bergen-Belsen. Über Anne Franks letztes Chanukka in Lagerhaft wissen wir von einer anderen jungen Frau, die zu dieser Zeit nach Bergen-Belsen geschickt wurde. Rebekka Brilleslijper (1912-1988) überlebte im Gegensatz zu Anne Frank das Lager und wurde später als die berühmte jiddische Sängerin und Tänzerin Lin Jaldati bekannt. In ihren Erinnerungen schreibt sie über Anne Franks letztes Chanukka::

Eines Tages im Dezember bekamen wir alle ein extra Stückchen Harzer Käse und etwas Marmelade. Die SS und die Aufseherinnen zogen sich nachmittags zurück und feierten. Es war Weinachten. Mit Margot und Anne Frank und den Schwestern Daniels waren wir jetzt drei Schwesterpaare. Wir wollten an diesem Abend Sint Niklaas, Chanukka und Weihnachten auf unsere Weise feiern.
Jannie hatte eine Gruppe von Ungarinnen kennengelernt, von denen einige in der SS-Küche arbeiteten. Mit deren Hilfe gelang es ihr, zwei Hände voll Kartoffelschalen zu ‚organisieren‘. Anne gabelte irgendwo ein Stückchen Knoblauch auf, die Schwestern Daniels ‚fanden‘ eine rote Rübe und eine Mohrrübe. Ich sang in einem anderen Block vor Aufseherinnen einige Lieder und tanzte einen Walzer von Chopin, die Melodie sang ich selbst dazu, dafür bekam ich eine Handvoll Sauerkraut. Wir sparten uns ein bisschen Brot vom Munde ab, und jeder bereitete für die anderen mit diesem Brot kleine Überraschungen vor. Etwas Muckefuck hatten wir in einem Blechnapf noch vom Morgen aufbewahrt , wir wärmten ihn auf einem Öfchen und rösteten Kartoffelschalen. So feierten wir. Leise sangen wir holländische und jiddische Lieder, auch lustige wie „Constant hat een hobbelpaard“. Wir erzählten uns Geschichten und malten uns aus, war wir alles tun würden, wenn wieder nach Hause kämen. „Dann werden wir bei Dikker und Thijs, einem der teuersten Restaurants von Amsterdam, ein Festessen machen“, meinte Anne. Und wir stellten uns schon das Menü zusammen, lauter leckere Sachen. Wir träumten — und waren in diesem Augenblick sogar etwas glücklich. Wir sahen einander in die Augen, runde Augen mit einem grünlichen Schimmer, wir waren immer magerer geworden.
Lin Jaldati (1912-1988)

Chanukka 1944, das letzte von Anne Frank, fiel nicht mit Weihnachten zusammen. Die achte und letzte Kerze wurde am 17. Dezember angezündet. Anne, ihre Schwester und ihre Freundinnen waren sich dessen nicht bewusst und feierten Chanukka zu spät, da sie es nur in Übereinstimmung mit dem Weihnachtsfest begehen konnten.
Obwohl sie das Lager nicht überlebt hat, ist Anne Frank durch ihr Tagebuch zu einem Symbol geworden, nicht für das Leid, sondern für das Licht, das die Dunkelheit durchbricht, wie der erste schwache Kerzenschein des Chanukka-Leuchters, der von Tag zu Tag heller wird, bis er zu acht strahlenden Flammen aus einer schimmernden Flamme wird. Anne Frank formte den dienenden Geist, der zuerst die Flamme der Sehnsucht und dann die Flammen der Hoffnung in den Herzen entzündet, wie der Schamasch am Chanukkaleuchter. Und so wie das Licht der Chanukkia die Jahrhunderte überdauert hat, war das Interesse an Anne Frank und ihrer Botschaft kein Strohfeuer, das aufflackert und erlischt, sondern eines, das bis heute anhält. Ihre Botschaft hat nicht nur jüdische Herzen erreicht, denn sie durchbricht die Barriere der Religion und bildet eine Brücke, auf der sich Licht, Mitmenschlichkeit und Grosszügigkeit gegen alles Böse erheben.

Grabstein für Margot und Anne Frank auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen.
Im Hebräischen steht geschrieben: „Gottes Kerze ist die Seele des Menschen“.

Oded Fluss. Zürich, 1.12.2022

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2 Kommentare zu „„Jesus zu Chanukka, das passt nun mal nicht.“ Anne Frank und das Lichterfest

  1. Danke Oded für diesen interessanten, sehr berührenden Beitrag, Anne Frank, eine grosse Persönlichkeit!
    Ihnen und allen Lesern gut Chanukka, herzlich Dalia

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