Der Teddybär aus Bergen-Belsen

Dan Rubinstein: Ex-Libris von Michael J. Flörsheim (Sammlung David Jeselsohn).

Eines der einzigartigsten Ex-Libris in unserer aktuellen Ausstellung wurde von dem Künstler und unserem lieben Gemeindemitglied Dan Rubinstein angefertigt. Es ist sowohl in seiner Erscheinung als auch in der Geschichte, die sich dahinter verbirgt, aussergewöhnlich.

Anzeigen aus dem Israelit, dem Israelischen Familienblatt und der Jüdischen Rundschau, in denen die Geburt von Michael J. Flörsheim angekündigt wird. 19.5.1938


Michael Jules Flörsheim (1938-1992), dem dieses Ex-Libris angefertigt wurde, wurde in Amsterdam geboren und war ein internationaler Rohstoffhändler, Investor, Philanthrop und ein Sammler von Judaica und japanischer Kunst. In seinem Exlibris finden sich Hinweise auf all diese Interessen; die Chanukkia und das Buch mit dem Bild der Schabbat-Lampe stehen für seine Judaica-Sammlung; das Buch auf der rechten Seite mit der japanischen Figur und der japanischen Flagge steht für seine Liebe zur japanischen Kunst; die niederländische, israelische und schweizerische Flagge stehen für seine Wohnorte im Laufe der Jahre und das Schiff für seine vielen Geschäftsreisen.

Eine der Vitrinen in unserer Ausstellung. In der Mitte steht das Ex-Libris von Michael J. Flörsheim,

Der Elefant (oder in diesem Fall der Bär) im Raum ist der grosse Teddybär, der fast den gesamten Raum des Ex-Libris einnimmt und auch unten, wo Flörsheims Name steht, in klein erscheint. Dieser freundliche Teddybär mit einem etwas ernsten Gesichtsausdruck weist uns auf die bewegende Geschichte eines Holocaust-Überlebenden hin.
Michael J. Flörsheim wurde als Sohn von Carl Alexander Flörsheim und Ilse (Möller) in einer prominenten Bankiersfamilie geboren. Zwei Jahre nach seiner Geburt marschierte die deutsche Armee in Holland ein. Als er drei Jahre alt war, starb sein Vater und hinterliess ihn als Einzelkind seiner verwitweten Mutter. Nach ihrer Internierung im holländischen Konzentrationslager Westerbork wurden beide 1943 nach Bergen-Belsen deportiert.
Seine Frau Dr. Yonat Flörsheim erzählte uns von ihrem Mann:

Michael wurde ein grosser Teil seiner Kindheit und Jugend genommen, und sein ganzes Leben lang war er damit beschäftigt, diesen Verlust wiedergutzumachen. Während unserer Flitterwochen gestand er mir etwas verschämt seine Liebe zu Teddybären: Sein einziges Spielzeug während der langen Jahre in Bergen-Belsen war ein kleiner Teddybär, der sich schliesslich aufgelöst hatte. „Der Teddybär hat mich gerettet“, hat er oft gesagt. In einem unserer Skiurlaube in den Schweizer Bergen entdeckte er einen identischen Bären, und von diesem Moment an begleitete ihn dieser kleine „Kerl“, den er „Arosali“ nannte, überall hin. Oft, wenn er sich über etwas freute oder ärgerte, sprach er mit seinem Teddybär: „Schau Arosali, was sie uns antun…“, oder „Arosali, sag Mama, dass sie nicht böse sein soll.“

Wenn man den Schatten, der den Bären im Ex-Libris umgibt, genau betrachtet, kann man sehen, dass er Stacheldraht ähnelt. Das soll vielleicht die Zeit andeuten, die der kleine Michael zusammen mit seinem einzigen Freund, dem Teddybär, im Konzentrationslager Bergen-Belsen verbracht hat. „Er wollte mit dem Teddybär begraben werden, aber die ‚Chewra Kadischa‘ hat es nicht erlaubt“, erzählte uns seine Frau.
Das zeigt einmal mehr, wie ein Ex-Libris, wenn es richtig gemacht wird, die ganze Geschichte der Person, der es gehörte, einschliessen und später mit den Menschen teilen kann, die es wiederentdecken.

Arosali

Oded Fluss. Zürich, 3.11.2022

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3 Kommentare zu „Der Teddybär aus Bergen-Belsen

  1. Herzlich danke für diesen spannenden und berührenden Beitrag. Und dann hat diese Geschichte ja auch etwas mit Zürich zu tun, was ja auch zählt.

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