Die Reise eines geraubten Buches

Giovanni Schiaparelli – Die Astronomie im alten Testament. J. Ricker’sche Verlag. Giessen, 1904.

Wie in einem Reisepass verraten die Stempel in einem Buch die Reise, die es gemacht hat.
Das Buch, das vor uns liegt, wurde 1904 in Giezen (Giessen) veröffentlicht und ist die deutsche Übersetzung eines Buches über Astronomie im Alten Testament des berühmten Astronomen Giovanni Schiaparelli (1835-1910).
Lasst uns versuchen, seine Reise in unsere Bibliothek nachzuzeichnen:

Oben auf der Titelseite sehen wir einen einfachen, teilweise gelöschten Stempel mit der Aufschrift „EX LIBRIS des LESEVEREINS der RABBINEN“. Unten finden wir einen schönen Stempel vom Oberrat der Isr. Religionsgemeinschaft Württemberg. In der Mitte des Stempels steht wie in einer Torarolle die hebräische Inschrift „al ha-emet ve-al ha-din ve-al ha-schalom“ („über die Wahrheit und über die Gerechtigkeit und über den Frieden“), ein Zitat aus der Mischna von Rabban Simeon ben Gamaliel, in der er die drei Fundamente der Welt benennt.

Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg war eine politische Einrichtung, die 1832 als gemischte staatliche und religiöse Behörde gegründet wurde und hatte seinen Sitz in Stuttgart. Die jüdische Religion wurde damit staatlich anerkannt, zugleich aber der strengen Reglementierung unterworfen, die auch für die christlichen Konfessionen bestand. Der Oberrat war die oberste Kultusbehörde der israelitischen Religionsgemeinschaften Württembergs im Sinne der Landesgesetze. Er beaufsichtigte unter anderem auch den Religionsunterricht. Unter Vorsitz eines jüdischen Regierungskommissärs gehörten ihr ein Rabbiner – mit dem Titel Kirchenrat –, drei weltliche Oberkirchenvorsteher und ein Sekretär als juristisches Mitglied sowie – zeitweise – ein Kanzleibeamter an. Alle Mitglieder der Oberkirchenbehörde wurden von der Regierung ernannt.

Auf den Einband des Buches geklebt finden wir das „Ex Libris des Lesevereins der Rabbinen Württemberg“, das so wirkt, als ob es die beiden oben genannten Stempel zusammenbringt. Auch wenn nicht viel über diesen Leseverein bekannt ist und Informationen darüber spärlich sind, gibt es doch ein Buch, auf das man sich beziehen kann.

Das von Dr. Rabbiner Aaron Tänzer (1871 – 1937) verfasste und 1937 veröffentlichte Buch „Die Geschichte der Juden in Württemberg“ gilt immer noch als eine der besten Quellen zur jüdischen Geschichte in Württemberg. Der in Pressburg geborene Rabbiner Tänzer studierte Philosophie, Germanistik und semitische Philologie in Berlin, schrieb seine Dissertation in Bern und wurde 1896 Rabbiner in Hohenems. Von 1907 bis 1937 lebte Aaron Tänzer in Göppingen in Württemberg, wo er die Göppinger Stadtbibliothek gründete. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich zum Dienst als Feldrabbiner. Für diesen Dienst im Feld wurde er mit mehreren Orden ausgezeichnet.

Das Ex Libris von Aaron Tänzer, das derzeit in der Ausstellung „Jüdische Ex Libris in der Schweiz“ in unserer Bibliothek präsentiert wird.

In seinem Buch schreibt Rabbiner Tänzer über den Leseverein: „Dieser Verein [Verein württ. Rabbiner] ist aus dem auf Anregung des Freudentaler Rabbiners Dr. Moses Haas i. J. 1867 gegründeten ‚Leseverein württ. Rabbiner‘ hervorgegangen. Er hat seine wertvolle Büchersammlung i. J. 1930 der Bibliothek des Oberrates überlassen. Im Jahre 1894 hatte der Leseverein sich mit dem damals von Kirchenrat Dr. Kroner gegründeten ‚Verein württ. Rabbiner‘ zusammengeschlossen, dessen Aufgabe es war, ‚über religiöse Angelegenheiten, wissenschaftliche Fragen, über die Angelegenheiten des Rabbineramtes und die Interessen der Gemeinden, endlich auch über die Standinteressen‘ zu beraten und zu beschliessen.“
Daraus können wir schliessen, dass dieses Buch zunächst in den Händen des Württembergischen Rabbiner Lesevereins war und dann 1930 zusammen mit seiner gesamten Büchersammlung dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg geschenkt wurde.

Der Elefant im Raum ist jedoch dieser Stempel, den wir auf mehreren Seiten in unserem Buch finden, sowie eine weitere kleinere Version davon in der Mitte des Buches. Es ist der Stempel des berüchtigten Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, das 1935 von der NSDAP mit dem Ziel gegründet wurde, die „Judenfrage“ „wissenschaftlich“ zu erforschen und das eine von vielen Institutionen war, die von den Nazis zur Verbreitung ihrer rassistischen Propaganda genutzt wurden.

Abgesehen davon, dass sie systematisch versuchten, jeglichen „jüdischen Einfluss“ aus der deutschen Kultur zu tilgen, versuchten die Nazis, die Geschichte zu manipulieren, indem sie so genannte Forschungsinstitute gründeten und sich zum Ziel setzten  „die neuere deutsche Geschichte, vor allem im Zeitraum zwischen der Französischen Revolution und der nationalsozialistischen Revolution zu erforschen und darzustellen“. Institute wie das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands und das Institut zur Erforschung der Judenfrage erhielten bereits ab 1933, als Hitler an die Macht kam, Bücher aus geplünderten jüdischen Bibliotheken und Institutionen. Man kann davon ausgehen, dass unser Buch das gleiche Schicksal hatte, aus der Bibliothek des Württembergischen Oberrats geraubt wurde und in der Bibliothek des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands landete.

Nach dem Holocaust bemühten sich Organisationen wie תקומה לתרבות ישראל „Jewish Cultural Reconstruction“ („Jüdischer Kulturwiederaufbau“) darum, die geraubten Bücher und Materialien zu finden und sie in überlebenden jüdischen Einrichtungen zu sichern, um zu retten, was von den Kulturgütern der deutschen Juden noch übrig war. Zu diesen jüdischen Einrichtungen gehörte auch unsere Bibliothek, in die viele Bücher aus zerstörten jüdischen Bibliotheken und Instituten gelangt waren.

Stempel der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich

Oded Fluss. Zürich, 27.10.2022.

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2 Kommentare zu „Die Reise eines geraubten Buches

  1. Spannend wie einzelne Bücher einer Bibliothek eine eigene Geschichte erzählen können, wenn neugierige Bibliothekare ihrem Schicksal entlang mehreren Orten anhand von Stempeln und anderer Eintragungen forschen!! Aaron Tänzer war übrigens auch der Autr des umfangreichen Buchs über die Geschichte der Juden in Hohenems.

    1. Lieber Michael,
      vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      Ja, Aaron Tänzer ist berühmt für sein Buch über Hohenems und wir sind sehr stolz darauf, dass wir seine Bücher und das Ex Libris in unserer Bibliothek haben. Oded

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