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Ein auf den Kopf gestellter Hiob – Margarete Susman über Adalbert Stifters „Abdias“

Ein Vortrag in der ICZ-Bibliothek anlässlich des 150. Geburtstags von Margarete Susman.
In Zusammenarbeit mit OMANUT – Forum für jüdische Kunst und Kultur.

Margarete Susman (1872-1966)

Meine Damen und Herren. Es ist selten, dass ich zwei meiner grössten Leidenschaften miteinander verbinden kann: unsere Bibliothek und den OMANUT Verein, die ich persönlich für die beiden wichtigsten jüdischen Kultureinrichtungen in der Schweiz halte.
Heute vor 150 Jahren wurde Margarete Susman geboren. Wir sitzen hier in der Gemütlichkeit einer Bibliothek im Enge Quartier, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem Margarete Susman ihre Zeit als junges Mädchen verbracht hat. Es gibt einen alten Witz, den ich zum ersten Mal von dem Schriftsteller Charles Lewinsky gehört habe. Wenn man gefragt wird, warum so viele Juden im Enge Quartier leben, lautet die Antwort: „Weil schon in der Bibel steht: Und der Herr trieb sein Volk in die Enge“.

Margarete Susman – Ich habe viel Leben gelebt. Deutsche Verlag-Anstalts. Stuttgart, 1964.

Susmans Zeit und Erfahrungen hier, wie sie sie in ihrer 1964 erschienenen Autobiographie «Ich habe viele Leben gelebt» beschreibt, bilden einige ihrer frühesten Erinnerungen, die ihren Charakter zu der aussergewöhnlichen Person formen sollten, als die wir sie heute kennen:

«Wir wohnten in einem schönen kleinen Haus im Kreis „Enge”, das noch heute unverändert steht, nur daß der wilde Wein, der es umrankte, verschwunden ist und auch die Pracht des Rosen­gartens, in dem mein Vater die seltensten Sorten zog. Hinter dem Haus lag ein großer Park; vor dem vorne gelegenen Wohnzim­merfenster zog sich die sanft gebogene Straße hin, auf der meine Hoffnungen in die Welt flogen. Hier fuhren oft die mit schön­geschmückten Pferden bespannten Wagen der jungen Hochzeits­paare vorbei, und von jedem dieser Paare glaubte ich, daß es un­endlich glücklich sei.
Und wie schön war das ganze damalige Zürich, in dem man noch ohne Angst vor dem Autoverkehr über die Straßen, auch über die lindenduftende Bahnhofstraße gehen konnte; wie wunderbar der damals noch klare, glänzende See, von dem unser Haus nicht weit entfernt lag und in dem ich sehr bald leidenschaftlich zu schwimmen begann. Dieses Schwimmen im Zürichsee war eine der schönsten Erfahrungen meiner Jugend. Mit dem Schwimmen konnte man mich erziehen, denn ein Tag, an dem ich nicht draußen baden durfte, war damals für mich ein verlorener. Auch bin ich bald, und zwar ohne Begleitung, durch die ganze Breite des Sees geschwommen und kann das Glücksgefühl noch nacherleben, das ich damals empfand

Heute möchten wir uns jedoch auf eine andere Zeit in Susmans Leben konzentrieren. Wenn wir Susmans Biographie folgen, wäre es vielleicht richtiger zu sagen, wir werden uns auf ein anderes Leben von ihr konzentrieren. Es ist ein anderes Leben, in dem sie sich hier in Zürich wiederfindet, diesmal als 61-jährige Immigrantin (Interessanterweise nennt sie dieses Kapitel in ihrem Buch „Emigration in die Heimat„). Sie lebte in Frankfurt, als Hitler in Deutschland an die Macht kam, und beschloss sofort, ihr Heimatland zu verlassen. Sie war bereits als Dichterin und Denkerin bekannt. Hinter ihr lagen viele der Bücher, die wir hier vor uns auf dem Tisch haben, und viele davon werden noch erscheinen. An diesem Punkt scheint eine Frage, die sie ihr ganzes Leben lang beschäftigt hat, ihren Höhepunkt zu erreichen. Und wenn wir sagen, ihr ganzes Leben lang, dann meinen wir das nicht als Übertreibung, wie eine kleine Passage aus ihrer Biografie zeigt, in der sie ihre zweitfrüheste Erinnerung als kleines Kind beschreibt:

Eine zweite Erinnerung stammt aus einer um wenige Jahre späteren Zeit. Sie führt mich in ein anderes Zimmer, das mir auch nur durch die Stärke eines Erlebnisses im Gedächtnis geblieben ist. Es war dunkel um uns; nur die große hellgedeckte Platte des Tisches war durch die Lampe über ihr aus dem Dunkel herausge­schnitten. Wir hatten eben mit unseren Eltern, wie immer nach deutschem Brauch, Weihnachten gefeiert, und nun saßen wir vor dem Abendessen mit dem Kinderfräulein, an dessen große dunkle Augen ich mich heute noch erinnere – ich weiß auch noch, daß sie Amanda hieß –, an diesem Tisch, wo sie uns Geschichten erzählte. In meinem Herzen brannte noch der hohe Christbaum mit seinen vielen hellen Lichtern, die den großen Saal durchstrahlten. Was uns das Mädchen damals erzählte, weiß ich nicht mehr, es muß eine Geschichte von Juden und Christen gewesen sein. Und da mir das Wort Christ so viel schöner erschien als das Wort Jude und mit dem ganzen Glanz dieses Abends verwoben war, rief ich leidenschaftlich aus: „Ich will nicht ein Jude sein, ich will ein Christ sein.” Und niemals habe ich die Antwort vergessen, die mir das Mädchen entgegenwarf: „Das ist unmöglich. Wir sind Christen, ihr seid Juden.” Fest, wie gemeißelt, sind diese wenigen Worte in meiner Erinnerung stehen geblieben. Ich fühlte, wie an ihnen etwas in meinem Herzen zerbrach. Und ich glaube auch jetzt noch genau zu wissen, was mich in ihnen so furchtbar traf. Es war einmal das jähe Ausgestoßensein aus jener strahlenden Welt des Christbaums, die noch eben die meine gewesen war. Denn es hatte mir damals noch niemand den glänzenden Kern gezeigt, den die dunkle Schale des Wortes Jude birgt. Ich kannte es nur aus Kindergeschichten und vor allem aus dem Gedicht von Rückert „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt”, in dem der Jude als ein dunkler, häßlicher, böser Mann mit einem Sack auf dem krummen Rücken durch den Wald läuft und dem Bäum­lein die goldenen Blätter stiehlt. Und die ganze Schwere des unbegriffenen Wortes Jude fiel auf mein Kinderherz herab. Aber es war zugleich noch ein anderer Grund, der mich in den Worten des Mädchens verstörte, und vielleicht ist dieser der noch tiefere gewesen. Man hatte mich immer gelehrt, und ich hatte es vielleicht fast zu früh begriffen, daß jedes Verschulden Strafe for­dert, und ich hatte mich, wenn es auch nicht immer gelang, be­müht, ein gehorsames, braves Kind zu sein. Nun erfuhr ich plötz­lich die schwerste Strafe für eine Schuld, die ich nie begangen hatte. Mein Dasein, meine bescheidene Weltordnung selbst war mit diesem Geschehen auf den Kopf gestellt. Ich erfuhr plötzlich, daß unser Menschenleben von vornherein festgelegt ist und durch das reinste Wollen, das beste Tun nicht mehr verändert werden kann. Man kann sich die trostlose Einsamkeit kaum denken, die mit dieser Gewißheit in mich einzog, und ich konnte und wollte ja den Erwachsenen nicht sagen, daß sie mich eine falsche Ordnung gelehrt hatten.”

Etwa 50 Jahre später, kommt dieses frühe Verständnis eines kleinen Kindes auf die schrecklichste und gewalttätigste Weise zurück. Die Juden ihres Heimatlandes Deutschland, selbst die Assimilierten, die nichts mit ihrer Herkunft zu tun haben wollen, werden gejagt und bestraft, nur weil sie Juden sind. Es ist fast zu poetisch zu denken, dass diese frühe Erinnerung sich zu einer von Susmans entscheidenden Fragen entwickeln würde; die Frage nach dem Schicksal der Juden als Unschuldige-Schuldige, ihre Hiobsfrage.

Margarete Susman – „Stifters Abdias“. Der Morgen, 1934.

Und doch sind wir nicht hier, um Hiob zu diskutieren. Wir sind hier, um Licht auf eine eher obskure Figur zu werfen. Eine Figur, die Susman in den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr in die Schweiz dennoch fasziniert hatte. Zwischen 1934 und 1935 schrieb sie zwei ähnliche, aber keineswegs identische Texte zu Adalbert Stifters Novelle „Abdias“. Den ersten in der jüdischen Monatsschrift „der Morgen“ und den zweiten als Nachwort für deren Neuveröffentlichung in der berühmten Schocken Bücherei.

Diese schöne, aber ziemlich seltsame Novelle, die erstmals 1842 erschien und die man als ‘hiobisch’ bezeichnen könnte, erzählt die tragische Geschichte eines Wüstenjuden, der in einer Zeit lebt, die das Ende des Mittelalters zu sein scheint. Die Geschichte ist in drei Kapitel unterteilt, die jeweils den Namen einer Frau aus dem Leben der Hauptfigur Abdias tragen. Das erste Kapitel „Esther“ erzählt die Geschichte von Abdias‘ Kindheit: Seine Eltern, Aharon und Esther, leben mitten in der Wüste in den Ruinen einer alten, «aus der Geschichte verlorenen Römerstadt». Sie leben in einer Umgebung, die für Aussenstehende wie grosse Armut aussieht. Der Zugang zu ihrem Haus führt durch Höhlen und Tunnel, die mit Lumpen und Gerümpel gefüllt sind, doch tief in diesen Höhlen sind ihre Schätze versteckt und sie geniessen ein recht komfortables Leben im Verborgenen, weit weg von den neidischen Blicken ihrer Nachbarn. An diesem Ort wird Abdias geboren. ein aussergewöhnlich schönes Kind, „das so schön wie einer jener himmlischen Boten gewesen ist, die einstens so oft in seinem Volk erschienen.“ Während seiner Kindheit wird er von seiner Mutter verwöhnt und sein Vater möchte ihm die Bräuche und die Weisheit seiner Vorfahren beibringen, aber es wird nichts daraus, „weil es in Vergessenheit geraten war.“

Adalbert Stifter – Abdias. Mit einem Nachwort von Margarete Susman. Schocken Verlag. Berlin, 1935.

Eines Tages beschliesst sein Vater, ihn allein in die Welt hinauszuschicken und befiehlt ihm, erst zurückzukommen, wenn es ihm gelingt, eine grosse Summe Geld zu erbeuten. Fünfzehn Jahre durchstreift Abdias die Welt, er kennt keine Sprache und lernt sie alle, schafft es, alle Hindernisse zu überwinden und gegen alle Widerstände erfolgreich zu sein. Er kehrt mit einer riesigen Summe Gold in sein Elternhaus zurück und besteht damit die Prüfung seines Vaters. Abdias holt die „schönäugige Deborah“ aus Balbek in sein Haus und heiratet sie, vermehrt seinen Reichtum auf seinen Reisen, sorgt für seine alten Eltern und beschenkt grosszügig seine Nachbarn.

Adalbert Stifter (1805-1868)

Das zweite Kapitel „Deborah“ spielt einige Jahre nach dem Tod seiner Eltern, als sich Abdias‘ Glück von ihm abwendet. Eine Pockenkrankheit entstellt sein Gesicht und seine Frau Deborah zieht sich angewidert von ihm zurück. Ungeachtet seiner Grosszügigkeit reagieren seine eifersüchtigen Nachbarn mit Schadenfreude. Abdias versucht, diesen Verlust durch noch grösseren Reichtum und Machtdemonstrationen auf seinen Reisen auszugleichen, indem er zum Beispiel einen arabischen Schuldner demütigt und seine Karawane tollkühn gegen einen Beduinenangriff verteidigt und sie dabei beschämt. Ein zweiter Schicksalsschlag trifft ihn, als er nach der Rückkehr von einer Reise sein Haus von der Bande des Beduinenführers, den er zuvor beleidigt hatte, ausgeraubt und verwüstet vorfindet. In den Ruinen findet er seine Frau Deborah, die er für unfruchtbar gehalten hatte, wie durch ein Wunder mit einem kleinen neugeborenen Mädchen im Arm. Zum ersten Mal seit langer Zeit zeigt sie ihm Zuneigung, aber die Geburt war zu schwierig und sie stirbt noch am selben Tag.

Adalbert Stifter – Ovadia. Mitzpe Verlag. Jerusalem, 1926.

Im dritten und letzten Kapitel „Ditha“ geht es um die Beziehung von Abdias zu seinem Kind. Das Mädchen, das nach Esthers Mutter Judith genannt wird, wird mit Ditha angesprochen und wird zum Mittelpunkt von Abdias‘ Leben. Sein ganzes Wesen verändert sich; er verzichtet auf die Verfolgung der Räuber und die Rache an seinen Feinden, gräbt seine versteckten Wertpapiere und Goldreserven aus und wandert nach Europa aus. Im Tal einer einsamen Bergregion kauft er ein Stück Land, baut darauf ein Haus und lebt dort zurückgezogen mit seiner Tochter. Der Vater merkt schnell, dass es ein Problem mit der Entwicklung seiner kleinen Tochter gibt und stellt nach einiger Zeit fest, dass sie blind ist. Nach vielen gescheiterten Versuchen, das Augenlicht seiner Tochter zu heilen, beschliesst er, sein Leben noch einmal zu ändern und zu seinen alten Händlergewohnheiten zurückzukehren, und möglichst viel Geld und Besitz zu erlangen, um seiner Tochter ein angenehmes Leben zu sichern. Erneut wird er zum Gegenstand des Neids und der Verachtung seiner Nachbarn, da er scheinbar mühelos Erfolg und Reichtum erlangt.

Und erneut ändert sich sein ganzes Leben, als durch einen übernatürlichen Schicksalsschlag ein Blitz in seine Tochter einschlägt und die Elfjährige plötzlich sehen kann. und so beginnt Abdias schönste Zeit des Lebens. Seine gute Laune kehrt zu ihm zurück und zusammen mit seiner Tochter entdeckt er die Schönheit der Welt und der Natur. Ditha wird, wie ihr Vater in seiner Kindheit, als aussergewöhnlich schön beschrieben. Auch scheint sie eine Art mystisches Geheimnis in sich zu tragen, das seinen Ursprung in ihren frühen Jahren als blindes Mädchen und ihrer Begegnung mit dem Blitz zu haben scheint. Sie ist fasziniert vom Licht, vom Blitz und vom Sturm; eine „Gewitterfreudigkeit“.  Ihre Beziehung zu ihrem Vater ist rein und Abdias erfährt zum ersten Mal wahre Liebe. Sogar die Nachbarn, die ihn nie mochten, beobachten ihn mit seiner Tochter und sehen ihn in einem anderen Licht. Und dann, fünf Jahre später, in einem weiteren absurden, ironischen Akt des Schicksals, verstecken sich Ditha und ihr Vater in einem Schuppen, als ein Sturm losbricht. Ein einzelner Blitz, der vom Himmel fällt, trifft Ditha erneut, dieses Mal tödlich. Zum Entsetzen seiner Nachbarn trägt Abdias seine tote Tochter zurück in sein Haus, wo er über 100 Jahre alt wird und in einem Zustand völligen Wahnsinns lebt.

 Richard Seewald – Abdias (1921)

Wir sitzen hier in der Gemütlichkeit einer Bibliothek, nicht nur einer Bibliothek, sondern einer jüdischen Bibliothek. Die einzige jüdische Bibliothek im deutschsprachigen Raum, die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs geöffnet bleiben konnte. Ungefähr zu dieser Zeit sass Margarete Susman nicht weit von uns entfernt und wunderte sich über diese seltsame Geschichte des Juden Abdias. „Nicht zufällig ist es das Schicksal eines Juden“, würde sie in den beiden Texten schreiben, die dieser Novelle gewidmet sind. Aber wir müssen uns fragen, warum muss diese Geschichte die Geschichte eines Juden sein? Abgesehen von der Tatsache, dass der Autor, ein Nicht-Jude, beschlossen hat, dass seine Hauptfigur Jude ist, scheint nichts Jüdisches daran zu sein.
Dieses Buch, eine Anomalie in unserer Bibliothek, ist auch eine Anomalie in der Schocken Bücherei. Es wurde zu einer Zeit gedruckt, in der so genannte „arische“ Bücher nicht mehr in jüdischen Verlagen veröffentlicht werden durften.

In einer Broschüre, die der Schocken Bücherei beilag und ihren Zweck beschrieb, hiess es:

“Die Bücherei des Schocken Verlags will in allmählichem Aufbau aus dem fast unübersehbaren und häufig unzugänglichen jüdischen Schrifttum aller Länder und Zeiten in sorgfältiger Auswahl dasjenige darbieten, was den suchenden Leser unserer Tage unmittelbar anzusprechen vermag. Die alte hebräische Literatur, deren Lebendigkeit sich gerade in kritischen Zeiten bewährt, soll durch sinnvolle Auszüge und angemessene Übertragungen, sowie durch zweisprachige Ausgaben dem heutigen Leser erschlossen werden. Aus dem zeitgenössischen jüdischen Schrifttum werden dichterische und erörternde Arbeiten aufgenommen, die in gedrängter Form Gültiges mitzuteilen haben. Verschollene oder nicht gebührend bekannte Werke der jüngeren Vergangenheit werden in Neudrucken herausgegeben. Hinzu kommen in wachsendem Mass Bücher belehrenden Inhalts.”

Verfolgt dieses Buch einen dieser Zwecke?

Die Schocken Bücherei hatte noch eine andere, versteckte Absicht. In einer düsteren Zeit, in der die assimilierten Juden in Deutschland sahen, wie ihre ganze Welt zusammenbrach, wie ihre nichtjüdischen Mitbürger ihnen den Rücken kehrten und wie ihnen die deutsche Kultur, die die meisten von ihnen besser kannten als die jüdische, entrissen wurde, brauchten diese deutschen Juden etwas mehr als alles andere:

Dies sind die ersten Zeilen des ersten Buches, das in der Schocken Bücherei veröffentlicht wurde. Die Worte des Propheten ישעיהו Jesaja kommen hier nicht zufällig vor. Es sind Worte, die sich an die jüdischen Leserinnen und Leser in Deutschland richten und ihnen durch das Medium eines Buches etwas geben, was ihnen in dieser Zeit auf keine andere Weise gegeben werden kann: Trost.

Die Tröstung Israels. Mit der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Bücherei des Schocken Verlags (1). Berlin, 1933.

An Heiligabend 1934, kurz nach der Veröffentlichung ihres ersten Abdias Textes und kurz vor der Veröffentlichung ihres zweiten Textes, schrieb Susman einen Brief aus ihrer Wohnung in der Krönleinstrasse 2 in Zürich an ihren lieben Freund Karl Wolfskehl, der sich zu dieser Zeit in Florenz aufhielt:

“Wenn Sie mich aber so dringlich nach dem fragen, »was mich nun bewegt«, so muß ich Ihnen die für Sie unfaßliche Antwort geben: immer noch dasselbe. Meine Hiobsfrage; denn die ist kein Bild, sondern eine immer gegenwärtige, all mein Sein und Denken durchdringende Wirklichkeit – und nun über mein ganzes Leben erstreckt: die Frage aus dem immer neuen grausamen und sinnlosen Geschlagensein meines zur blühendsten Freude, zur vollsten Leistung geschaffenen Lebens. Kann Gott sich selbst so widersprechen?

Ein paar Zeilen später fährt sie fort:

“Denn meine Lebensform: die jüdisch-christliche, ist sicher da, wo sie stark und tief ist, lebbar nur unter der vollen Strenge des Gesetzes oder unter der göttlichen Vertretung durch Christus. Ohne diese, in der heutigen Welt muß sie dämonisch werden, als Leid, als Liebe, als Güte selbst – nur daß sich diese Dämonie nicht wie die des schweifenden Menschen gegen den Anderen kehrt, sondern gegen das eigene Selbst. – So sehe ich es nun auch bei Abdias, in gewisser Weise auch bei Rahel. Der Christ, der unter sich die heidnische Welt hat, kann, auch wenn er nicht mehr das Kreuz über sich hat, dahin einen Ausweg finden; für den Juden gibt es nur das Gesetz oder Christus.”

Karl Wolfskehl (1869-1948)

Ähnlich wie ihr Lieblingsphilosoph Baruch Spinoza sieht Susman die Möglichkeit der Freiheit in der Notwendigkeit und dem Verständnis dafür. Durch Abdias würde Susman den Juden ihrer Zeit mehr als nur Trost, sondern auch Verständnis bieten. 

“Das Ende dieses Daseins im Wahnsinn”, schreibt sie über Abdias, “weist uns hin auf die Unlebbarkeit der jüdischen Lebensform überhaupt, wenn sie von Gott und von dem Gesetz Gottes gelöst ist […]Es ist dies unirdische Daseinsgesetz, das sich im Judentum an die Stelle aller anderen Gesetze setzt. Enthüllt es im Abdias seine Wahrheit an einem Einzelnen, an einer großen prophetischen Natur, so zeigt es sich nicht weniger klar am Schicksal des Volkes als Ganzem.”

Für Susman ist Abdias ein gescheiterter Prophet. Er wurde von Gott auserwählt, ein Stern leuchtete über ihm, aber er war sich dessen überhaupt nicht bewusst.
Dieser auf den Kopf gestellte Hiob, ein Hiob, der keine Freunde hat, die ihn trösten, keine Frau, die mit ihm leidet und vor allem keinen Gott, zu dem er klagen, aber auch glauben kann. Statt den anzubeten, der alles erschaffen hat, verehrt er seine Tochter, die er selbst erschaffen hat. Als sie ihm weggenommen wird, verfällt er dem Wahnsinn. Für Susman ist er die perfekte Verkörperung des deutschen Judentums ihrer Zeit. Ein auserwähltes Volk, das sich nicht bewusst ist, dass es so ist. Ein Volk, das seinen Ursprung vergass und so wurde sein Schicksal zum Gericht.

“Auch unser Schicksal ist unlebbar geworden. Das Antlitz unseres Volkes ist entstellt; die Liebe hat sich von ihm abgewendet. Mit der ganzen europäischen Menschheit hingerissen in ein Leben, in dem Liebe, Leid und Schuld blind und gesetzlos schweifen, haben wir unseres göttlichen, botenumstrahlten Ursprungs vergessen. Darum ist das Schicksal, in dem wir heute stehen, nicht bloßes Schicksal; es ist Gericht. Aber mit eben diesem Gericht fühlen wir in diesem Augenblick plötzlich unser verworrenes Leben sichtbar von Gesetz und Ordnung wieder aufgenommen. Der Strom des Heils beginnt neu das vertrocknete Flußbett unseres Daseins zu durchströmen. Und so fällt wirklich in diesem düstersten Augenblick der Schimmer eines Blattes aus jener heiteren Blumenkette über das schmerzhafte Mysterium von Schuld und Schicksal, Auserwählung und Verwerfung, das das unseres Volkes ist. In dem Wissen des Dichters, daß das düstere Gericht Gottes in all seiner Erbarmungslosigkeit als unergründlich heitere Blumenkette durch die Welt hängt, lebt etwas von der überschwenglichen Wahrheit des achtundneunzigsten Psalms, in dem die Seele ihrem eigenen Gericht als dem gerechten Gericht Gottes entgegenjauchzt. Es lebt darin das Wissen um das heiligste und stillste Mysterium der jüdischen Verheißung: daß die Gerechtigkeit Gottes, indem sie sich vollzieht, aufblüht zur heiteren, allversöhnenden Liebe.”

Hiob ist im Vergleich zu Abdias ein Ideal, etwas, das man anstreben sollte. In Hiob gibt es zumindest einen Dialog, einen Hader es gibt Trost, es gibt die Idee, alles zurückzugewinnen, was verloren wurde. Es gibt das Gottesgericht, an dem sich die Seele erfreuen kann, während sie in der sinnlosesten Zeit nach einem Sinn sucht.

תהילים צ“ח

זַמְּר֣וּ לַיהוָ֣ה בְּכִנּ֑וֹר בְּ֝כִנּ֗וֹר וְק֣וֹל זִמְרָֽה: ו בַּ֭חֲצֹ֣צְרוֹת וְק֣וֹל שׁוֹפָ֑ר הָ֝רִ֗יעוּ לִפְנֵ֤י | הַמֶּ֬לֶךְ יְהוָֽה: ז יִרְעַ֣ם הַ֭יָּם וּמְלֹא֑וֹ תֵּ֝בֵ֗ל וְיֹ֣שְׁבֵי בָֽהּ: ח נְהָר֥וֹת יִמְחֲאוּ-כָ֑ף יַ֝֗חַד הָרִ֥ים יְרַנֵּֽנוּ: ט לִֽפְֽנֵי-יְהוָ֗ה כִּ֥י בָא֮ לִשְׁפֹּ֪ט הָ֫אָ֥רֶץ יִשְׁפֹּֽט-תֵּבֵ֥ל בְּצֶ֑דֶק וְ֝עַמִּ֗ים בְּמֵישָׁרִֽים:

Eine kleine Ausstellung von Margarete Susmans Büchern, die für die Veranstaltung in der ICZ-Bibliothek eingerichtet wurde.

Oded Fluss. Zürich, 14.10.2022