Wagners jüdischer Dirigent

„…es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen…“
Franz von Lenbach – „Kopf des Dirigenten Hermann Levi“. 1882.

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte und das ist auch bei einem Ex-Libris der Fall. Eines der seltensten Exponate in unserer aktuellen Ausstellung jüdischer Exlibris ist das Ex-Libris des Dirigenten Hermann Levi (1839-1900). Der Spross einer Familie mit mehr als zehn Generationen von Rabbinern – sein Vater war der Landrabbiner von Hessen, sein Grossvater der von Worms – fand jedoch seine Leidenschaft in der Musik. In seiner Heimatstadt Giessen wurde er schnell als pianistisches Wunderkind erkannt, und im Alter von zwölf Jahren begann er mit der Musikschule. In weniger als 20 Jahren wurde er zu einem der renommiertesten Dirigenten Deutschlands, und im Alter von 33 Jahren leitete er als Generalmusikdirektor und Hofkapellmeister das weltberühmte Königliche Hof- und Nationaltheater in München.

Hermann Levi mit Johannes Brahms und Julius Allgeyer

Levi verkehrte mit vielen berühmten Musikern seiner Generation und war mit Johannes Brahms sehr eng befreundet. Am bekanntesten und berüchtigtsten war jedoch seine Beziehung zu Richard Wagner und dessen zweiter Frau Cosima. Levi bewunderte Wagner und war einer seiner treuesten Anhänger und Förderer, während Wagner selbst seinen Antisemitismus offen zum Ausdruck brachte, insbesondere in seinem berüchtigten Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ (1850), das bis heute als einer der schrecklichsten und hasserfülltesten Texte gilt, die über die Rolle der Juden in der deutschen Musikwelt geschrieben wurden und später die antisemitische Propaganda des Nazi-Regimes inspirierte.

Wagners Beziehung zu Hermann Levi war zweischneidig. Er bewunderte sein Genie, machte aber gleichzeitig eine Verachtung gegenüber Levis jüdischen Glaubens deutlich. Die Antwort auf dieses ‚Problem‘ war sowohl für Wagner als auch für seine Frau einfach: die Taufe.
Für sein letztes Werk „Parsifal“ wählte Wagner Levi als Dirigenten. Die Ehre, die Uraufführung eines Werkes von Wagner zu dirigieren wurde nur einer Handvoll Menschen zuteil. Es hatte jedoch seinen Preis, und wie Cosima Wagner es damals giftig formulierte:

„Ungetauft darf Levi den Parsifal nicht dirigieren. Ich taufe ihn und dann gehen wir alle zusammen zum Abendmahl.“

Im Gegensatz zu vielen assimilierten Juden der damaligen Zeit fiel Hermann Levi die Taufe nicht leicht. Die Beziehung zu seiner jüdischen Familie, insbesondere zu seinem Vater, und sein Bewusstsein für die Familiengeschichte hinderten ihn daran, die Konversion zu vollziehen. Durch die Versuchung, Parsifal zu dirigieren, zusammen mit seinem Unwillen, sich taufen zu lassen, hatte er unter grossem Druck gestanden, und schliesslich erlitt er einen psychischen Zusammenbruch. Dass das Thema der Oper Parsifal zum Teil die Taufe betrifft, half auch nicht. Dies wird deutlich, wenn wir den Brief lesen, den Levi am 1. Januar 1878 an seinen Freund und späteren Nobelpreisträger Paul Heyse geschrieben hatte:

„Vor mir liegt das Textbuch von Parsifal … Meine Meinung über den Text halte ich aus guten Gründen zurück. Bedenklich ist mir die äusserst christliche Tendenz; es wird mir Nichts übrig bleiben, als mich taufen zu lassen, wenn ich es hier einstudieren werde .…“

Der Höhepunkt kam Ende Mai 1881, als Levi, überfordert und unter zu grossem Druck, Bayreuth überstürzt verliess, ohne die Absicht, zurückzukehren. Nur ein paar Tage später erhielt er einen Brief von Wagner selbst:

„Um Gottes Willen, kehren Sie sogleich um und lernen Sie uns endlich ordentlich kennen! Verlieren Sie nichts von Ihrem Glauben, aber gewinnen Sie auch einen starken Mut dazu! Vielleicht – gibt’s eine große Wendung für Ihr Leben – für alle Fälle aber – sind Sie mein Parsifal-Dirigent.“

Wagners Versprechen wurde tatsächlich erfüllt und Hermann Levi dirigierte am 26. Juli 1882 in Bayreuth die letzte Oper des Komponisten. Am Ende der Aufführung kam Wagner auf die Bühne und bedankte sich bei allen Darstellern, insbesondere bei „seinem Freund“ Levi, der die Arbeit mit einer Beharrlichkeit, einem Verständnis und Enthusiasmus vollbracht hatte, die ihresgleichen suchten. Sechs Monate später starb Richard Wagner nach einem Herzinfarkt. Levi war einer der zwölf Männer, die seinen Sarg zur letzten Ruhestätte trugen.

Ex-Libris Hermann und Mary Levi von Hans Thoma (1839 – 1924).

Wagners antisemitische Worte wurden leider nicht mit ihm begraben. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde Levi klar, dass selbst wenn er Wagners Wunsch erfüllen würde, dies vergeblich sein würde, da selbst konvertierte Juden dem Feuer des antisemitischen Hasses nicht entkommen konnten. 1896, nach einer späten Heirat mit Mary Fiedler, einer Christin, zog er sich von allen öffentlichen Aktivitäten zurück und konzentrierte sich hauptsächlich auf Übersetzungen von Libretti und den Werken Goethes. Zwei Jahre nach seiner Heirat entstand das Ex-Libris, das sowohl seinen als auch den Namen seiner Frau trägt. Es zeigt einen jungen Mann, der seinen Kopf mit einem aufgeschlagenen Buch bedeckt. Wie auch immer der Löwe und die Schlange im Bild zu deuten sind, ein anderes Symbol herrscht über alles. Zwei Jahre vor seinem frühen Tod und wie ein letztes Erbe wählte er den Davidstern als Hauptsymbol für sein Ex-Libris und wies damit darauf hin, dass seine jüdische Herkunft, ähnlich wie die Sonne, die sowohl Leben bringen als auch verbrennen kann, immer auf sein Leben und sein Schicksal schien.

Oded Fluss. Zürich, 18.8.2022.

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