Website-Icon Schätze aus der Breslauersammlung und der ICZ-Bibliothek

Ein Grabstein zwischen den Seiten

Aaron Ben Abraham: „Sefer Hadrakha“. Breslau, 1830. BH 263

Ein sehr bekanntes Genre in der jüdischen Buchtradition ist die Mussar-Literatur [Sifrut-Mussar]. Sie stammt aus dem Mittelalter und dient als Anleitung zur Stärkung des Glaubens, der Tugend und des moralischen Lebens (Mussar ist das hebräische Wort für Moral). In Anlehnung an die biblische Literatur sind diese Bücher eher auf das tägliche Leben ausgerichtet und konzentrieren sich in vielen Fällen auf die Beziehungen zwischen den Menschen.
Bei dem uns vorliegenden Exemplar handelt es sich um eine Untergattung der Sifrut Mussar – den so genannten Testament-Büchern. Es handelt sich um ein Buch, das ein Vater und Grossvater für seine Kinder und Enkel in Form eines Testaments geschrieben hat. Der Autor Aaron Ben Abraham, ein Gemeindeprediger aus Rawitsch [Rawicz] , glaubte, dass seine Aufgabe auf Erden, seine Nachkommen zu führen, nicht mit seinem Tod endet, und so nutzt er sein Buch „Sefer Hadrakha“ (Das Buch der Leitung), um sie auch nach seinem Tod zu leiten:

“ Jeder Vater ist verpflichtet, seinen Kindern eine Ermahnung zu hinterlassen, um sie in der Furcht Gottes und in der Art seiner Anbetung zu unterweisen. Sogar wenn ein Mensch selbst vollkommen wäre, hätte er seine Pflicht nicht erfüllt, indem er nur sich selbst vervollkommnet hätte. Denn wenn er nicht den starken Drang verspürt, andere zu vervollkommnen, kann er für sich persönlich nicht vollkommen sein, da er das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ übersehen hat.“

Das Buch ist alphabetisch geordnet, beginnend mit dem hebräischen Buchstaben א [Alef] und endend mit dem letzten Buchstaben ת [Tav], und symbolisiert so eine ganze Lebensspanne. Jeder Buchstabe steht für einen Aspekt des Lebens oder des Glaubens, auf den der Autor eingeht. So ist zum Beispiel der Buchstabe א [Alef]: „Emuna“ (Glaube); ט [Tet]: Tom’a und Tohara (Unreinheit und Reinheit); צ [Tzadik]: Tzedaka und so weiter. Einen besonderen letzten Platz weist der Schreiber dem hebräischen Buchstaben ת [Tav] zu, der für das Wort „Toldot“ steht; ein ganz spezielles hebräisches Wort, das sowohl Ursprung als auch Ergebnis bedeutet und somit Vergangenheit und Zukunft verbindet. Indem der Vater seine Kinder dazu anleitet, Gott zu folgen, lenkt er ihr Schicksal, während diese, indem sie dem folgen, was er sie gelehrt hat, umgekehrt wiederum auch sein Schicksal nach seinem Tod lenken.

“ Im Tod ist zwar alles vorbei, aber wenn der Vater seine Kinder angeleitet hat, Gottes Wegen zu folgen, hängt ihre Tugend von ihm ab und damit hat er kein Ende, solange sein Same weiterlebt.“

Aaron Ben Abraham teilt viele seiner persönlichen Erfahrungen mit Sünde und Teschuwa (Umkehr) und erklärt in einem schönen Satz die Tugend des Weinens, ein sehr wichtiges jüdisches Motiv im Akt der Reue.

“ Manchmal werden Sie vom Jetzer (Trieb) ergriffen und mit Sünde beschmutzt […] in jedem Fall müssen Sie über die Sünde, die Sie begangen haben, in der Zeit der Beichte weinen, denn Weinen überwindet alles. Und wie unsere Väter z“l sagten: alle Tore waren verschlossen, ausser den Toren der Tränen, und die Tugend des Weinens ist es, von Sünde zu heilen.“

Am Ende des Buches schreibt Aaron Ben Abraham, wie seine Beerdigung ablaufen soll. Er bittet darum, dass niemand, der ihn hasst, während dieser Zeit in seiner Nähe sein darf, und droht, dass demjenigen etwas Schlimmes zustossen wird, wenn jemand dies gegen seinen Willen tut. Er will keine Grabreden, nicht während der Zeremonie und auch nicht danach, „weil ich in meiner Seele weiss, dass ich nicht einer bin, der es wert ist“. Er möchte nicht, dass man nach seinem Tod gut über ihn spricht, denn er war nie jemand, der nach Respekt strebte. Er bittet nur darum, dass seine Kinder und Freunde jeden Tag mindestens vier Kapitel der Mischna zu Ehren seiner Seele studieren. Diejenigen, die nicht religiös sind, bittet er, jeden Tag zehn Kapitel der Tehilim zu lesen. Zu seiner eigentlichen Beerdigung bittet er um ein bescheidenes Grab in der Nähe seiner Väter.

Eingangstor zum jüdischen Friedhof Rawitsch

Aaron Ben Abrahams Wunsch, seine letzte Ruhestätte in der Nähe seiner Väter zu finden, wurde erfüllt und er wurde – wie alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde Rawitsch – auf einem Friedhof im nahegelegenen Dorf Zirkobo begraben. Dies fand jedoch ein tragisches Ende mit dem Einmarsch der Nazis in Polen Anfang 1939 und der totalen Schändung und Zerstörung des Friedhofs durch sie. Das Einzige, was von dem Friedhof übrig blieb, war das Eingangstor und darüber die Schrift in Hebräisch und Deutsch: „ד‘ ממית ומחיה מוריד שאול ויעל“ „Gott tötet und belebt, führt in die Scheol [Hades] und führt herauf.“ (Samuel I 2,6).

Und so befahl er, auf seinen Grabstein zu schreiben: Zu seinen Lebzeiten/ fuhr ihn Gott auf einem schnellen Gewolk [Jesaja 19,1 ]/ Und nun nahm er seine Kraft [Daniel 10, 8 ]/ Aaron Ben Abraham z“l/ Möge seine Seele mit dem Band des ewigen Lebens verbunden sein.

Den Rawitsch-Friedhof gibt es nicht mehr, aber der Grabstein von Aaron Ben Abraham lebt weiter, und zwar in gedruckter Form. Ben Abraham hatte einen ganz bestimmten Wunsch, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Seine Enkelkinder haben diesem Wunsch entsprochen und ihn auch in das Buch ihres Grossvaters gedruckt, und zwar in Form eines Grabsteins. Diese einzigartige Komposition aus einem gedruckten Grab und der Grabsteininschrift, die wir auf der letzten Seite des Buches finden, ermöglicht es, uns weiterhin an den Autor zu erinnern.

Oded Fluss. Zürich, 11.8.2022

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