Website-Icon Schätze aus der Breslauersammlung und der ICZ-Bibliothek

Mr. Blooms Haggadah

James Joyce: Ulysses. Paris: Shakespeare and Company, 1922

Vom 2. Februar bis zum 1. Mai feiert das Museum Strauhof das 100-jährige Jubiläum der Veröffentlichung von „Ulysses“, dem bekanntesten Roman von James Joyce und einem der wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung mit dem Titel „Ulysses von 100 Seiten“ will das faszinierende und komplexe Universum des Romans mit Hilfe von 100 Exponaten aufzeigen: Objekte und Zitate, Bilder und Erzählungen aus den 18 Kapiteln des Buches sowie aus der Geschichte seiner abenteuerlichen Veröffentlichung.
Eines dieser 100 Objekte, die in der Ausstellung präsentiert werden, ist eine alte Pessach-Haggada, die 1816 in Basel gedruckt wurde und für dieses Ereignis von der ICZ-Bibliothek ausgeliehen wurde. 

Seder Haggadah schel Pessach. Gedruckt von Wilhelm Haas, Basel. 1816. H924

Es wurde viel über Joyce und seine Beziehung zu den Juden und dem Judentum geschrieben. Von der Ähnlichkeit, die er zwischen seinem eigenen Schicksal als Verfolgter und zum Exil Gezwungener und dem der Juden fand, bis zur großen Verbundenheit der jüdischen Tradition mit Büchern und dem geschriebenen Text, die seiner eigenen Verbundenheit, vielleicht sogar Besessenheit mit dem geschriebenen Wort ähnelte. Und natürlich, und das bezog sich auf die beiden vorgenannten Punkte, die Zensur und Verbrennung jüdischer Bücher und die Zensur, der Joyce in seiner literarischen Karriere selbst zum Opfer fiel.

Der Haggada-Eintrag im Ausstellungskatalog.

Es wäre müßig, die Bedeutung des Pessachfestes und der Haggadah in Joyces „Ulysses“ zu erläutern. Bekanntlich ist der Hauptdarsteller des Buches, Mr. Bloom, jüdischer Herkunft, und obwohl er in keiner Weise religiös ist, spielt das Judentum eine wichtige Rolle in seiner Darstellung. In einem Moment des Buches murmelt Bloom alle hebräischen Wörter, die ihm in den Sinn kommen: „Aleph Beth Ghimel Daleth Hagadah Tephilim Koscher Yom Kippur Hanukah Roschaschana Beni Brith Bar Mitzvah Mazzoth Askenazim Meschuggah Talith„.

Die Haggada in der Strauhof Ausstellung

Ein bedeutenderer Teil, in dem die Haggada auftaucht, ist das Kapitel „Und da nun das Passahfest nahte„, in dem Bloom beschreibt, wie sein Vater versucht, die Pessach-Haggada zu lesen: „Der arme Papa mit seinem Haggadah-Buch, wie er mir immer rückwärts vorlas mit dem Finger„. Blooms Vater fährt fort, seine Meinung über das Chad-Gadja-Lied zu äußern: „Und dann das Lamm und die Katze und der Hund und der Stecken und das Wasser und der Metzger, und dann der Engel des Todes, der den Metzger schlägt, und dieser schlägt den Ochs, und der Hund schlägt die Katze. Klingt ein bißchen albern alles, bis man sichs mal genauer ansieht. Soll Gerechtigkeit bedeuten, aber heißt bloß, daß alles sich frißt, immer einer den andern. So ist das Leben eben, letzten Endes.”. Diese etwas vereinfachte Interpretation könnte auf Joyces zynische Sichtweise des moralischen Zustands der Welt und seine Kritik an der Brutalität und Unmenschlichkeit seiner Zeit zurückgeführt werden. Es ist auch ein Beweis dafür, wie kenntnisreich und neugierig Joyce in Bezug auf die jüdischen Traditionen und Texte war. Im Gegensatz zu anderen klassischen jüdischen Romanfiguren wie Shylock, Fagin und Daniel Deronda war Joyces Mr. Bloom eine jüdische Figur, mit der sich der nichtjüdische Autor selbst identifizierte.

Das „Chad Gadja“ Lied in der Haggada

Diese Identifikation führte dazu, dass viele Leute dachten, Joyce selbst sei Jude. Der Literaturkritiker Frank O’Connor hat Joyce in seiner „Short History of Irish Literature“ humorvoll als “the greatest Jew of all” [„den größten Juden von allen“] bezeichnet.
Weniger amüsant ist der Vorfall, der sich 1940, wenige Monate vor Joyces Tod, ereignete. Seine Familie, die zu dieser Zeit in Frankreich lebte, musste selbst einen Exodus durchmachen. Sie versuchte, aus dem von den Nazis besetzten Land in die Schweiz zu fliehen. Die Schweizer Fremdenpolizei hatte ihnen jedoch die Genehmigung verweigert, da sie glaubte, Joyce sei Jude. Drei Monate lang bemühten sich Joyces Freunde, seine Nicht-Jüdischkeit zu beweisen und seine Familie in die Schweiz zu bringen. Ironischerweise waren es zwei von Joyce jüdischen Freunden, Edmund Brauchbar und Siegfried Gidieon, denen es gelang, 300.000 Franken als Bürgschaft für die Schweizer Behörden aufzubringen und die Familie schließlich in Sicherheit zu bringen. Joyce, der bereits sehr krank war, starb kurz darauf.

James Joyce

Oded Fluss 4.2.2022

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