Vier Rätsel und eine Zeichnung

In den Büchern der Breslauer Sammlung findet man häufig Handschriftliches. Seien es Widmungen, Namen früherer Besitzer, Korrekturen, Zensuren, oder manchmal auch ein kompletter Stammbaum (siehe Blog-Eintrag vom 18.2.2021 Eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz„). Viele der handschriftlichen Zeugnisse in den Büchern sind von geringer Bedeutung. Bei der Katalogisierung eines Buches, muss man jedoch sehr vorsichtig sein, da die handschriftlichen Zeugnisse manchmal sogar wichtiger und interessanter sind, als das Buch selbst. Das Buch, das wir heute vorstellen, hat etwas ganz Besonderes an sich.
Es wurde 1714 in Amsterdam gedruckt und trägt den Titel Devek Tov (guter Leim) und ist eine Interpretation von Rashis Kommentar auf Chamishah Chumshe Torah, von Rabbi Shimon Aschenburg ha-Levi.

Rabbi Shimon Aschenburg ha-Levi – Sefer „Devek Tov“. Amsterdam, 1714. Breslauersammlung BH 216

Das Besondere an diesem Buch ist jedoch nicht nur sein Inhalt, sondern auch eine Handschrift, die auf der ersten Seite hinzugefügt wurde.
Wenn man das Buch aufschlägt, findet man eine sehr interessante Zeichnung eines Mannes mit Zylinder, der eine zusammengerollte Zigarette zu rauchen scheint und einen Stock hält. Die Zeichnung, die auf den ersten Blick wie das Gekritzel eines Kindes aussieht, enthält wichtige Informationen. Auf dem Gesicht des Mannes findet man die hebräischen Buchstaben תעד. Diese Buchstaben, wenn sie in Gematrie berechnet werden, ergeben 1714, das Jahr in dem das Buch veröffentlicht wurde. Daher könnten wir vermuten, dass diese Zeichnung und die Notizen daneben aus diesem Jahr stammen.

Über dem Mann ist eine Liste in vier Abschnitten. Jeder davon beginnt mit dem hebräischen Wort Chida (Rätsel). Es hat eine Weile gedauert, bis wir die Schriften entziffern und diese vier Rätsel entschlüsseln konnten. Zwei davon waren besonders schwer zu lösen.
Wir bringen sie hier zu Ihrem Vergnügen:

Das erste Rätsel ist bereits bekannt:
חדה
הולך בלא רגלים“
מכה בלא ידים
מכה זה בנים שמחים“

Rätsel

„Geht ohne Beine
schlägt ohne Hände
wenn es trifft, sind die Jungs glücklich“

Es ist wichtig zu bemerken, dass das Wort זה, das auf Hebräisch „es“ bedeutet, eine geschweifte Linie darüber hat. Das bedeutet normalerweise, dass man Gematrie verwenden sollte, um die Zahl zu finden, für die dieses Wort steht, in diesem Fall ist זה die Zahl 12.
Dann stellt man fest, dass die Lösung des Rätsels ganz offensichtlich eine Uhr ist. Ein Ding, das ohne Beine läuft und ohne Hände schlägt. Wenn sie 12 schlägt, dann sind die Kinder glücklich.

Das zweite Rätsel ist am schwierigsten ins Deutsche zu übersetzen, da es sich um ein hebräisches Wortspiel handelt.
חדה
רומח אין לו פה
ואפוך יש לו פה
מי שאינו יודע זה
הרי הוא דומה לזה

Rätsel
„רומח (ein Speer) hat kein Maul
rückwärts hat er ein Maul
Derjenige, der es nicht begreift
ist derjenige, der ihm ähnelt.“

Das Wort für Speer im Hebräischen ist רומח und wenn man dieses Wort rückwärts liest, erhält man חמור ein Esel. Der Esel hat im Gegensatz zum Speer ein Maul. Diejenigen, die das nicht begreifen können, sind also wie Esel.

Das dritte Rätsel ist schon ziemlich schwierig.

חדה
הבורא לא ראהו מעולם
המלך בשר ודם לעתים רחוק
שאר בני אדם בכל יום ויום

Rätsel

Der Schöpfer hat ihn nie gesehen
der König hatte ihn sehr selten gesehen
der einfache Mann sieht ihn jeden Tag

Fragen Sie sich, was der einfache Mann jeden Tag sieht, der König nur sehr selten und Gott selbst nie?
Die Antwort lautet: jemanden wie sich selbst.

Das vierte Rätsel ist auch eine harte Nuss:

חדה
המתים יאכלוהו
ואם יאכלו החיים ימותו

Rätsel
Die Toten essen es
und wenn die Lebenden es essen würden, sterben sie.

Was essen die Toten? Die Antwort lautet: nichts.
Und wenn die Lebenden nichts essen, würden sie sterben.

Viele Bücher in der Breslauer Sammlung sind rätselhaft und dieses Buch im Besondern.

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